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Rafael Cortés erscheint pünktlich zu jeder Messe in der Kirche Santa Eulalia und pflegt seinen katholischen Glauben eifriger als die meisten Mitbürger. Er bekreuzigt sich öfter, singt das Ave María mit der lautesten Stimme und versäumt keine Gelegenheit, die Beichte abzulegen.

Rafael Cortés hat allen Grund, sich katholischer als alle Katholiken zu geben, denn er ist ein konvertierter Jude und als solcher steht er damals, im 17. Jahrhundert, unter der Beobachtung der misstraurischen Bevölkerung. Die “Conversos” leben noch immer in ihrem eigenen Stadtviertel, genannt “La Call”, und wenn jemand in Verdacht gerät, zu Hause heimlich den jüdischen Ritualen nachzugehen, setzt sich der Apparat des “Schwarzen Hauses” in Gang, Sitz der Inquisition, Folterkammer des Glaubens, längst abgerissen, heute breitet sich an seiner Stelle die Plaza Mayor aus.

Rafael Cortés ist eine Romanfigur. Doch als die mallorquinische Autorin Carme Riera ihn und andere Persönlichkeiten für ihr Buch “Dins el darrer Blau” (“Im fernsten Blau”, auf Deutsch erschienen bei Lübbe) zum Leben erweckt, hat sie historische Vorbilder vor Augen und monatelange Studien hinter sich. Die Handlung spielt im Palma des 17. Jahrhunderts, und soviel Spuren die damaligen Ereignisse in der Seele der Stadt hinterlassen haben, so wenig ist physisch davon geblieben. Man weiß noch nicht mal mit Sicherheit, wo genau die Grenzen der “Call”, des Judenviertel, verlaufen sind.

Wahrscheinlich gab es sogar vier verschiedene Judenbezirke, erzählt Elena Inglada, Archäologin und Mitglied der Gruppe “Llegat jueu” (Jüdisches Erbe) innerhalb der Kulturvereinigung Arca. “Llegat jueu” bemüht sich seit etwa zwei Jahren darum, die Spuren der jüdischen Vergangenheit zu sichten und das kulturelle Erbe dieser Epoche zu pflegen.

Das größte Judenviertel befand sich rund um die heutige Kirche Monti-Sion, die sich an der Stelle einer früheren Synagoge erhebt. Die kleine Gasse “Call” bezeichnet bis heute den ehemaligen Zugang zum Judenviertel, das eine Stadt in der Stadt war, mit eigener Schutzmauer und Toren, die nachts geschlossen wurden.

Über die Größe der Gemeinde gibt es “Schätzungen für jeden Geschmack”, sagt Inglada. Schon zur Zeit der islamischen Herrschaft auf der Insel muss es eine bedeutende jüdische Präsenz gegeben haben, doch wird diese in keinem einzigen Dokument aus dieser Epoche angesprochen. “Entweder war das Zusammenleben perfekt und es gab keinerlei Probleme”, interpretiert Inglada, “oder die Muslime haben die Juden einfach ignoriert.” Im 14. Jahrhundert, als Palma um die 30.000 Einwohner hatte, lebten möglicherweise bis zu 5.000 Juden in der Inselhauptstadt. Diese Schätzung beruht auf der ungefähren Ausdehnung der Judenviertel. Zwei dieser Viertel werden rund um die Plaza de la Constitución (beim Hauptpostam), ein weiteres bei der Kirche Sante Creu situiert. Aber sind diese Vermutungen durch keinerlei Ausgrabungen bestätigt worden?

“Das Problem”, sagt Stadtarchäologin Magdalena Riera, “besteht darin, dass archäologische Funde jüdischer Herkunft nur selten als solche erkennbar sind. Die Juden lebten fast genau gleich wie die Christen, es gab nur wenige Kultgegenstände, die sie als Juden auswiesen.” In der erstgenannten, größten “Call” von Palma entdeckte Riera kürzlich eine hebräische Inschrift. “Und zwar interessanterweise im zweiten Stock. Das bedeutet, dass die Gebäude aus jener Zeit noch stehen.” Daneben tauchten auch mal ein siebenteiliger Kandelaber auf und ein kleines Knochenplättchen mit hebräischen Buchstaben. Damit war’s das aber schon.

Der spektakulärste Fund, der auf die jüdische Kultur in Palma zurückgeht, wird im Museum der Kathedrale aufbewahrt. Es handelt sich um zwei “Rimonim”, reich geschmückte Ritualstäbe für die Rollen der Thora, des Heiligen Buches der Juden. Dass so wenige jüdische Kultgegenstände die Jahrhunderte überdauert haben, ist andererseits logisch. Rafael Cortés, der eingangs erwähnte “Converso” aus Carme Rieras Roman, ist einer von vielen, die sich durch Denunzierung Sicherheit und Seelenheil erkaufen wollen. Riera beschreibt, mit welch immenser Vorsicht jene Zwangskonvertierten, die geheim an ihrem Glauben festhalten, vorgehen müssen.

Um 1300 herum werden die jüdischen Palmesaner gezwungen, in einem eigenen Judenviertel zu wohnen. Die Mauern und verschlossenen Tore nützen nichts, als 1391 ein zorniger Mob die “Call” stürmt und ein Massaker verübt. Trockenheit, Wirtschaftskrise und eine knallharte Besteuerung der Ärmsten hatten das Volk aufgebracht, als Sündenböcke und Blitzableiter mussten die Juden herhalten, eine altbekannte Geschichte.

Mit der Ausweisung bzw. Zwangskonvertierung im 15. Jahrhundert entstand jene Bevölkerungsgruppe und nahmen jene Tragödien ihren Ursprung, an denen sich die Literatin Riera inspirierte. Bis heute ist das Schimpfwort für die Konvertierten, “Xueta”, im Sprachgebrauch, noch sechshundert Jahre nach den Ereignissen weiß man auf Mallorca ganz genau, welche Familien jüdischen Ursprungs sind – eine in Spanien einzigartige Situation.

Das Thema ist bis heute delikat und kontrovers. Einige der Betroffenen sehen die Initiative der Arca-Gruppe mit Skepsis, weil sie fürchten, statt Schuldgefühle würden nur wieder die alten Wunden freigelegt. Manche sehen überhaupt nicht ein, warum sie sich nach mehr als einem halben Jahrtausend überhaupt zu jüdischen Wurzeln bekennen sollen. Die Situation ist ja mehr als skurril: Familiennamen wie Aguiló, Miró, Fuster und Forteza haftet bis heute der “Makel” der Konvertierten an, während andere Namen offensichtlich jüdischen Ursprungs wie Salom von der Gesellschaft vollkommen akzeptiert sind.

Die Ängste der Betroffenen kommen nicht von ungefähr. Als Israel der Stadt Palma symbolisch ein paar Orangenbäume schenkte, die in der Nähe der Plaza Mayor gepflanzt wurden – bezeichnenderweise dort, wo früher das “Schwarze Haus” der Inquisition stand -, wurde die dazu gehörende Informationstafel so oft mit Hakenkreuzen übermalt, dass die Verantwortlichen das Handtuch schmissen und die Tafel entfernten.

Wenige der in Rieras Roman geschilderten Stätten jüdischen Lebens und Leidens sind heute noch zu sehen. Die Kirche Santa Eulalia galt als “Kirche der Konvertierten”, hier beteten die Zwangsgetauften buchstäblich um ihr Leben. In den Gassen der “Calls” steht noch manches Haus, in dem Juden vor dem 15. Jahrhundert offen, danach heimlich ihre Rituale feierten. Von den Synagogen ist nichts geblieben. “Im fernsten Blau” endet mit einer Hinrichtung am Scheiterhaufen – auch der Ort dieses schaurigen Spektakels hat sich verändert: die Gegend um die heutige Plaza Gomila.

Die Geschichte der Juden in Palma hat ein Postskriptum jungen Datums. Bis heute wird die Legende aufrechterhalten, Franco habe während der Naziherrschaft keinen einzigen Juden nach Deutschland ausgeliefert. Die Stadtarchitektin Magdalena Riera hält diesem Mythos die Erzählung ihrer Großmutter entgegen, die eines Tages im Terreno eine jüdisch-deutsche Kundin, die hier im Exil lebte, weinend angetroffen habe. Warum sie heule, habe die Großmutter gefragt. Ich muss zurück nach Deutschland, habe die Kundin erwidert. Darauf habe Rieras Oma verständnislos den Kopf geschüttelt und erwidert: Warum heulst du, wenn du in deine Heimat zurückgehst?

Die mallorquinische Oma konnte ja nicht ahnen, dass in der “Heimat” schon die Krematorien angefeuert wurden.

Mallorca Zeitung Nr. 103, April 2002