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Betsy Zill war knapp fünfzig, als sie nach ihrer zweiten Scheidung buchstäblich auf der Straße stand. Dann wurde Richard Nixon Präsident und Betsy verließ ihr Land, das hatte sie für diesen Fall angedroht. Ausgerechnet ins damals (1973) noch franquistische Spanien führte die Flucht – “Franco war zwar Faschist, aber wenigstens stand er dazu” – und musste in einer Gepäckaufbewahrung ihr Malwerkzeug im Wert von tausend Doller hinterlassen, weil ihr das Geld fehlte, es auszulösen. Aus Not griff sie zu Feder und Papier und verliebte sich in das Medium Zeichnen. Und verliebte sich in Spanien. Und in manchen Spanier.

Mittlerweile hat sich die heute 81-jährige Künstlerin und Lebenskünstlerin wieder Malwerkzeug gekauft und bedient das Publikum, obwohl eher der Tuschezeichnung zugeneigt, mit Aquarellen auf Papier: “Schwarz-weiß ist nicht gefragt, die Leute wollen Farben und sie wollen Gegenständliches.”

Betsy kommt dem Wunsch entgegen, malt jedoch abstrakt. Ihre farbintensiven visuellen Phantasien nähren sich aus verschiedenen Quellen. Ihre Vergangenheit als Kalligraphin (Schreibkünstlerin) schlägt sich in zahlreichen Bildern nieder, am deutlichsten in “Liebesbriefe, geschrieben auf seichtes Wasser”, wo Worte sich ins Wellengekräusel mischen. Manche Titel verraten eine Faszination für das Rätselhafte und Phantastische in alten Kulturen, Beispiele: “Raumschiff der Mayas” oder “Kopie des Musters des Teppichs, der in den Ruinen des Palastes von Aladin gefunden wurde”.

Betsy ist ein Gesamtkunstwerk. Im Zweiten Weltkrieg kutschierte sie als Armeechauffeuse hohe Offiziere durchs bombardierte London, später studierte sie Kunst, eröffnete eine Boutique, wickelte zwei Ehen ab, arbeitete als Volksschulprofessorin, als Kunstlehrerin, als Managerin eines Appartementkomplexes und als private Kalligraphin für eine exzentrische Millionärin und Seglerin, die sich in den Kopf gesetzt hatte, ein natürlich wasserfestes “Kochbuch für die Regattakombüse” zu verfassen. Zills Durchbruch als Künstlerin kam erst 1987, da war sie sprudeljunge 66 und lebte wieder in den USA.

Der Erfolg ermutigte sie, endgültig nach Spanien zu übersiedeln. Seit fünfzehn Jahren lebt und malt sie mit unverändert jugendlichem Esprit in Sóller. Gemälde wie “Der unglaubliche, erstaunliche Teppich, der nicht fliegen kann” sind bis 26. Oktober zu bewundern in Can Perlus, Kunstvereinigung Es-Tall, in Sóller.

 

Thomas Fitzner

 

Mallorca Zeitung 2002