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Ein Stück Sahara im Atlantik

 

Testbericht: Wie hält man einen Urlaub im Inneren der wüstesten kanarischen Insel aus?

 

Text und Fotos: Thomas Fitzner

 

Ist man seltsam, wenn man sich in Fuerteventura verliebt? Überhaupt nicht, sagen

Surfer, die Strände mit zuverlässig starkem Wind (fuerte ventura) schätzen. Keineswegs, sagen Strandfanatiker, die im Süd- und Nordteil der Insel Küstenstriche vorfinden, wo auf jeden Sonnen- und Meeranbeter hundert Meter Strand kommen. Schon ein wenig, sagen jene, die auf dem Weg vom Flughafen zu den großen Touristenorten aus dem Fenster schauen und nichts als steinige Wüste sehen. Fuerteventura ist die einzige der Kanarischen Inseln, die auch landschaftlich eine direkte Fortsetzung der Sahara darstellt. Mögen Sie die Sahara? Dann mögen Sie Fuerteventura auch abseits der Traumstrände. Oder eben nicht.

Nun besteht die Sahara nicht alleine aus romantischen Sanddünen, obwohl Fotografen sie aus ästhetischen Gründen immer darauf reduzieren, sondern zu 95 Prozent aus Steinwüste, in deren Senken, wo das wenige Regenwasser zusammenläuft, zähe Bäumchen und Büschchen wachsen, an denen zähe Ziegen nagen. Das trifft auch für Fuerteventura zu: Wüste und Ziegen. Nun hat die Wüste auf den menschlichen Geist eine interessante Wirkung: Den einen verstört sie, den anderen erfüllt sie mit unendlichem Frieden.

Die ganz Seltsamen machen nicht unten in Morro de Jable mit seinen Touristenburgen und bewässerten Gartenlandschaften Urlaub, oder oben in Corralejo, wo auf Teufel komm raus Feriensiedlungen in die Wüste betoniert werden, sondern irgendwo im Inselinneren, wo es gar nichts gibt außer ein paar weiße Dörfer und zähe Ziegen, die an zähen Büschchen nagen. Dafür gibt es etwas, das langsam aber sicher zum Luxus wird: Ruhe, Frieden, Weite und Freundlichkeit.

Mittlerweile gibt es so viele seltsame Urlauber, dass sich der Betrieb von Ferienhäusern und sogar der eines alternativen Landhotels lohnt. Manche dieser Seltsamen lassen sich sogar freiwillig auf Fuerteventura nieder. Freiwillig!

Das ist umso bemerkenswerter, als die Insel zur Zeit der Frankisten als Verbannungsort diente. Miguel de Unamuno wurde zur Strafe für sein unabhängiges Denken nach Fuerteventura verbannt. Sein Wohnhaus, oder der Ort, an dem es stand, ist eine der wenigen “Attraktionen” der Hauptstadt Puerto del Rosario. Das Häuschen wurde allerdings im Zuge des auch hier grassierenden Immobilienbooms abgerissen und durch einen ihm zu Ehren “Unamuno” benannten Appartementblock ersetzt. Die Frage ist, ob den Blockbauern klar war, wen sie sich da zum Namensspender auserkoren hatten. Unamuno, der Akademiker und Philosoph, war nicht nur ein politisches Lästermaul, sondern auch einer der ersten Nudisten. Wir können davon ausgehen, dass er seine Verbannung genossen hat.

Tatsache ist: Auf diesem vom Atlantik umschwappten Sahara-Ausläufer ist wenig so, wie es genannt wird. Das stille Örtchen etwa, wo wir unser romantischstes Abendessen zelebrierten, hieß “Pozo Negro” (Jauchengrube), und das romantische und hervorragende Fischrestaurant konsequenterweise “Rincón de Pozo Negro” (Jauchengrubenwinkel). In Oliva haben wir keinen einzigen Ölbaum gesehen, und Antigua, “die Alte”, ist auch nicht älter als die anderen Siedlungen. Hingegen scheint der Ortsname “Pared” (Mauer) auf ein historisches Bauwerk zurückzugehen, das zu Zeiten der Ureinwohner die Insel in zwei Teile teilte. Nichts als der Name ist davon übrig.

Auch vor geisterhaften Erscheinungen ist man nicht sicher. Da schimpften wir kilometerlang, weil wir in keiner Ortschaft einen ordentlichen Supermarkt fanden, und dann schimmerte plötzlich zwischen Tuineje und Gran Tarajal, mitten in der Wüste, ein riesiges Gebäude mit entsprechender Konsumeinladung, und löste sich unerwarteterweise nicht in Luft auf, als wir es betraten: es war klimatisiert, voller Waren und menschenleer. Noch heute zweifeln wir, ob diese unheimliche Begegnung der Fuerteventura-Art wirklich stattgefunden hat.

Ebenfalls wie Fata Morganas breiten sich riesige Gewächshäuser über die Landschaft aus, oder die Reste davon. Durch viele pfeift nur noch der Wind und von den mit EU-Subventionen angebauten Tomatenstauden ist nichts mehr übrig. Tomatenstauden? Richtig, die vertragen noch brackiges Wasser, und von dem wenigen Wasser, das die Insel hat, ist das meiste brackig. (Die Insulaner sind, was die Niederschläge betrifft, meist sehr niedergeschlagen). Was also von den aufgegebenen Gewächshäusern übrig ist, das sieht aus, als hätte der Verpackungskünstler Cristo ein Projekt, ganz Fuerteventura einzuwickeln, im frühen Stadium aufgegeben.

Ein ganz anderes Thema sind die Fata Morgana-Ziegen Fuerteventuras und die Esel in Brüssel, die sie subventionieren. Wann immer ein EU-Kommissar zum Ziegenzählen einfliegt, bricht auf der ganzen Insel ein hektischer Viehtourismus aus: Ziegen werden hin- und hergekarrt, sodass bestimmte Herden jeweils beim Besuch des Brüsseler Ziegenzählers auf geisterhafte Weise anschwellen und mit ihnen die gewährten Subventionen. Manche “Majoreros”, wie sich die Bewohner Fuerteventuras nennen, halten sich als EU-subventioniertes Hobby eine Ziegenherde. Aber Ziegen hatten schon vor der EU Tradition. Die Hauptstadt Puerto del Rosario (Rosenkranzhafen) nannte sich bis 1957 Puerto de Cabras (Ziegenhafen).

Im Gegenzug machen die “Majoreros” aus der Milch ihrer weitgereisten Ziegen einen Käse, der den Geldfluss auf das öde Eiland fast schon rechtfertigt. Man ist als Besucher gut beraten, die Subventionen sozusagen zurückzufressen, es bereitet in mehrfacher Hinsicht Freude.

Aber sprechen wir – ganz subjektiv, versteht sich – über die beiden schönsten Orte der Insel: Pájara und Betancuria, und vor allem die Routen rundherum. Dort erhebt sich eine majestätische, karge und reine Bergwelt, in deren Tälern sich gelegentlich eine Palme das dort zusammengeronnene Wasser aus dem Boden saugt und genügend Ambiente schafft, damit sich dort Menschen ihre weißen Häuser bauen, und das Ergebnis heißt Idylle. Nun ist Grün inmitten karger Wüste bekanntlich grüner als sonstwo, und die kleinen Oasen haben besonderen Charme. Das wissen auch die Oasenbewohner und sie verkaufen “Kaktusfeigenmarmelade” und “Bienmesabe” (“Schmeckt-mir-gut”) und Palmenhonig, oder machen kleine Museen auf. Aus der Ruhe bringen lassen sie sich freilich nicht. Da wird noch vor den Augen einer ganzen Busladung durstiger Nordländer die Restaurantterrasse abgestuhlt, weil’s schon sechs Uhr abends ist.

Aber ist nicht gerade das sympathisch?

Dann könnte man auch über hochsubventionierte Straßen durch eines der Täler meerwärts zu einem der kleinen, schwarzen Kieselstrände fahren, um zu sehen, was es mit Ortsnamen wie Ajuy oder Puerto de los Molinos auf sich hat. Ich kann es vorwegnehmen: drei Häuser, ein Ruderboot und ein schnorchelndes Liebespaar, schlimmstenfalls noch merkwürdige Ansammlungen luxuriöser Neubauten, die hier stehen, als sei das alles Zufall. Manchmal steht da auch noch ein sehr einfaches Fischrestaurant, dessen Gäste sich im Fliegenverscheuchen üben.

Fuerteventura ist trotz seiner hundert Kilometer Länge und dreißig Kilometer Breite wie ein kleines Dorf. Da wird unkompliziert ausgeholfen, aber manchmal auch mitgelitten. Als in Antigua, wo seit kurzem das einzige Luxus-Landhotel der Insel seine Gäste verwöhnt, plötzlich der Strom ausfällt, erfahren wir im Vertrauen: der zuständige Beamte der Bezirksstromversorgung sei bei einer Beerdigung, drum sei da momentan nichts zu machen. Uns blieb nichts anderes übrig als ein Stündchen mitzutrauern.

Aber keine Frage: die echte Trauer brach aus, als wir die Wüsteninsel und ihre sympathischen Bewohner wieder verließen.