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Eine Kindheitserinnerung bietet vielleicht einen Anhaltspunkt. Da war die Fernsehserie “Lassie”, deren stets gleiche Schlüsselszene darin bestand, dass dieser intelligente Collie nach Hause gelaufen kam und aufgeregt bellte. Die Familie versammelte sich um das Tier, und der junge Held der Serie analysierte: “Er will uns etwas sagen.”

Aber was?

Mit dieser Art des “Er will uns etwas sagen”-Erlebnisses ist auch der Kunstberichterstatter konfrontiert, wenn er es mit Malern wie Manolo Ballesteros zu tun hat. Denn um die Erkenntnis, dass hinter dem einfach gehaltenen Werk eines durchaus erfolgreichen Künstlers eine hochkomplexe Botschaft steckt, deren Inhalt vielleicht schon wieder die Einfachheit ist, kommt man nicht herum. Da muss man schon fest die Zügel anziehen, damit die Rösser der Deutelwut nicht durchgehen, Berichterstatter und Publikum gleichermaßen durchrüttelnd.

Die Galerie Pelaires ist für ihre konsequent moderne Politik bekannt und gilt auch als Vorreiter der fortschrittlichen Ausstellungsszene auf Mallorca. Lange bevor Kunstfunktionäre den 180 Grad-Schwenk vollzogen und statt nur noch patriotische Schinken nur noch abstrakte Kunst zu fördern begannen, diskutierte die Avantgarde in der Pelaires weit in die Zukunft von Kunst und Kultur hinein. Vor kurzem erst hingen dort aus monotonen Farbflächen bestehende Gemälde von Mateu Bauzà. Nur deklarierte Kunstbanausen würden sich zu sagen trauen: Das könnte auch mein/e fünfjähriger Sohn/Tochter malen. Doch die visuelle Meditation eines Bauzà ist damit nicht abgetan, denn zwischen Zen und Gedankenlosigkeit gähnt eine Kluft so tief wie der Marianengraben. Das Problem ist: Manchmal ist sie bei aller Tiefe ganz schön eng, sodass der Betrachter genau hinsehen, hinhören und hindenken muss.

Manolo Ballesteros betreibt, unschön gesagt, eine visuelle Monokultur. Er hat sich in eine Form verbissen, die der symmetrischen, links und rechts genau in der gleichen Phase abgeschnittenen Wellenform. Das Ensemble der in verschiedenen Farben dargestellten Wellen kommt einer Installation gleich, obwohl jedes Bild für sich gilt, der rote Punkt auf dem verkauften Exemplar weist darauf hin. Das Erlebnis Ballesteros/Pelaires ist dennoch tiefgehend. Wer aus dem urbanen Dschungel aus Vielfalt und Monotonie, schreienden Botschaften und dumpfen Betonkonstruktionen in den nüchternen Saal tritt und nur noch Ballesteros’ Wellenmeditation sieht, hat den ersten Schritt geschafft: Er sieht. Wenn auf ein Dach der Galerie Regentropfen fallen und dabei so laut knallen wie poppendes Popcorn, und dazu klassische Musik durch die Galerie streicht, wird das Erlebnis nahezu surrealistisch.

Bei soviel visueller Monotonie geht dann der Blick auf Entdeckungsreise. Wo sind Brüche, Stufen, Übergriffe?, und Ballesteros baut sie ein: Seine Wellen funktionieren auf zwei Ebenen, fließen auch einmal um die Kanten des Gemäldes oder beunruhigen durch eine ungewöhnliche Kombination von Farbkombinationen. Die Wellenform wird zur flatternden Fahne, zur Schlange, zum Körperteil, und reduziert sich am Ende zum Kunstobjekt. Ein Konzert der Widersprüche: Vervielfachte Reduktion, maximierte Minimal Art.

Jetzt sind die Deutelrösser doch durchgegangen. Aber wenn ein Künstler auf sich hält, bringt er das zustande und hält das auch aus. Ballesteros ist bis Ende Februar in der Sala Pelaires in Palma zu sehen.

 

Mallorca Zeitung 2001