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Die Mallorquiner, lautet ein geläufiger Scherz unter den Historikern der Insel, datieren automatisch alles, dessen Herkunft sie nicht kennen, auf die Zeit der Araber zurück. Auch der Ursprung der Bewässerungsgemeinschaft der “Horta de Cubelles” bei Pollença liegt im Dunkeln, aber die Argumente für eine maurische Urheberschaft sind schwer von der Hand zu weisen. Parallel zum Torrente (Sturzwassergraben), der durch das Tal von Ternelles läuft und je nach Wasserlage entweder rauscht, gluckert oder vollkommen schweigt, ziehen sich aus Stein gebaute offene Wasserleitungen hin, bei deren Anblick auch Historiker, die den eingangs erwähnten Scherz auf der Lippe haben, sofort “arabisch” ausrufen. Schließlich existiert ein Dokument, in dem sich die Parzellenbesitzer der “Horta de Cubelles” über den schlechten Zustand und die Reparaturbedürftigkeit der “alten Wasserleitungen” echauffieren. Und zwar im Jahr 1391. Mallorca war bekanntlich bis 1229 arabisch beherrscht.

Erst im vergangenen, also dem zwanzigsten Jahrhundert haben die Parzellenbesitzer ihr jahrhundertealtes Arrangement schriftlich niedergelegt. Es handelt sich um eine minuziöse Aufteilung der Wassermengen, die aus den Bergen nördlich von Pollença durch das Tal von Ternelles sprudeln. Die Wasserrechte sind untrennbar mit dem Grundbesitz verbunden, und wann immer das kostbare Nass knapp wurde, wusste jeder genau, zu welchen Uhrzeiten er den Zufluss zum Nachbarn stoppen und in seinen eigenen Estanque (Wasserbecken) einleiten durfte. Aber die Geschichte geht viel weiter zurück. Ternelles hat nämlich bereits das Römische Pollentia mit Wasser versorgt. Vom Aquädukt sind sogar noch ein paar Bögen an der Straße Pollença-Lluc erhalten.

Die “Horta de Cubelles” hält weitere Überraschungen bereit. Zum Beispiel ein ganzes Nest von Wassermühlen, also Dinger, die man sich auf dieser wasserarmen Insel als Letztes erwartet. Auch war dieses immergrüne Paradies einer der ersten Winkel Mallorcas, in denen sich ausländische Prominenz niedergelassen hat.

Damit sind wir noch immer nicht durch. Das Wasser nämlich kommt aus einer wildromantischen Bergregion, die sich zur Gänze im Besitz der stein- und auch Stein-reichen Familie March befindet. Wer den vermutlich arabischen Wasserleitungen Richtung Quelle nachspaziert, steht irgendwann vor einem bewachten Tor, hinter dem zwei ehemalige Wassermühlen auszumachen sind. Dort, umsprudelt und umgluckert vom frischen Bergwasser, verbringt eine March-Erbin die Sommermonate. Und die Story geht weiter: Auf demselben riesigen March-Anwesen befindet sich eine mittelalterliche Burgruine, die trotz ihrer kulturellen und historischen Bedeutung für die Öffentlichkeit nur selten zugänglich ist: das Castell del Rei. Und an dieser Stelle mögen mir doch die Erzpatrioten unter den mallorquinischen Zeitungskolumnisten und Kulturbewahrern erklären, warum sie auf Claudia Schiffer losprügeln, wenn die den Weg zu einem kleinen Wachtürmchen gelegentlich sperrt, aber nicht auf die Marchs, wenn  die gleich eine ganze Burg zur No-go-Zone erklären.

Ich male mir eine mögliche Erklärung aus: die Schiffer heißt Schiffer, die Marchs heißen – und sind – die Marchs. Das ist es wohl.

Genug gewinselt und gemault, die Welt ist ungerecht, aber sie ist auch schön. Antonio Martorell, freundlicher Cubelles-Bewässerer, stellte sich als Fremdenführer durch diesen magischen Winkel mit seinen nicht mehr klappernden Mühlen und seinen bemerkenswerten Bewohnern zur Verfügung, erklärte mir jedes Haus, jeden Wasserlauf, jede Röhre. Was mich vor allem interessierte: Wie, zum Kuckuck, soll auf Mallorca eine Wassermühle funktionieren? Und bis wann waren sie in Betrieb?

Das technische Prinzip ist einfach. Anders als die nordeuropäischen Kollegen, deren Räder buchstäblich aus dem Vollen schöpfen können, wird das spärliche Nass bei der mediterranen Mühle in einem Türmchen gesammelt und durch eine schmale Röhre nach unten gejagt, wo es ein oder zwei Holzturbinchen antreibt. Von dort fließt der Segen bis zur nächsten Mühle. Gemahlen wurde Weizen, jener nämlich, der dank Zufuhr desselben Wassers, das die Mühlen antrieb, ehemals in dieser Gartenzone wuchs. Die Bauern brachten die Ernte zu den Mühlen und buken in ihren Brotöfen daheim dann gleich ihr Brot. Was das Brot angeht, war die “Horta de Cubelles” – so würde das der moderne Manager sagen – eine komplette Wertschöpfungskette.

Bis heute liegen die Mühlen aneinandergereiht, wenngleich zu idyllischen Wohnstätten umfunktioniert: Molí d’en Cormes, Molí de Can Petit, Molí de l’Estret, Molí de Can Banya, Molí de Can Xura und Molí de Can Punxa. Im letzten Mühlchen empfängt mich eine betagte Amerikanerin namens Dorothy Oswald. Ihr mittlerweile verstorbener Gatte war Marineattachée an der US-Botschaft in Madrid und verknallte sich vor vierzig Jahren rettungslos in die bereits pensionierte Can Punxa-Mühle, weil es rund ums Haus so lustig gluckerte, was den Seemann naturgemäß begeisterte. Das war, bevor die Gemeinde Pollença das Wasser in PVC-Röhren zwang. Als der Offizier den Mechanismus inspizierte, fühlte er sich sofort wie zu Hause: “Wie bei uns in Kalifornien”, rief er aus. Und schon klingelt’s in der historischen Abteilung unseres Hirns: Waren es nicht mallorquinische Missionare, die Kalifornien beackerten und, offenbar, ihre Mühlen-Know-How einbrachten?

In der Prominenten-Hitliste nimmt der Attachée keinen Spitzenplatz ein. Der jüngst verstorbene italienische Künstler Aligi Sassu (die orangerote Pferdeskulptur auf dem Kreisverkehr bei Alcudia ist sein Werk) besaß hier ein traumhaftes Anwesen. Titto Cittadini, auch er Künstler, bewohnte in Cubelles sein “Can Titto”. Nicht weit entfernt, wenngleich außerhalb der Parzellen der Gemeinschaft, wohnte Adán Diehl, Erbauer des Hotels Formentor. Und er hatte es nur wenige hundert Meter zum Ferienhaus jenes englischen Bankiers, der ihm das Projekt finanzierte.

In der Finca von Antonio Martorell stoße ich zwischen Kaninchenställen und Bienenhäusern auf einen alten Mann, der mich über die Geschichte der Wassermühlen aufklärt: Jaime Martorell, der Vater meines Begleiters, arbeitete als junger Kerl in einer Wassermühle und kann sich erinnern, dass manche dieser Einrichtungen noch bis in die Sechziger Jahre funktionierten. Wie war das im Sommer, wenn es monatelang nicht geregnet hatte? Kein Problem, erklärt Opa Martorell, dann staute man das Wasser oberhalb der Mühlen so lange auf, bis genug zusammen war, um die Mühlen vier oder fünf Stunden in Betrieb zu nehmen.

Und Wasser gab und gibt es in diesem magischen Winkel Mallorcas immer. Die “Comunidad de Regantes”, eingeklemmt zwischen den Marchs und der Gemeinde Pollença, hat sich vor Jahren auf einen neuen Verteilerschlüssel geeinigt. Die Marchs bauten Anlagen, die den Wasserverlust begrenzten, dafür dürfen sie – anders als die früheren Besitzer des Berges – einen Teil des Wassers behalten. Und die Gemeinde schöpft das Überschusswasser ab.

Mit der Plastikverröhrung sparen sich die Parzellenbesitzer arbeitsintensive Reparaturen an den uralten Wasserleitungen, die man eigentlich, meint Antonio Martorell, als Kulturdenkmal pflegen sollte. Wo früher Weizen wuchs, blühen heute Bougainvileas.

Und aus einer historischen Gemeinschaft, deren Überleben in früheren Jahrhunderten auf gerechter Aufteilung der Ressourcen und strikter Organisation beruhte, wurde ein Verein, dessen wichtigstes Projekt das jährliche gemeinsame Abendessen ist.

Mallorca Zeitung Nr. 128, Oktober 2002