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Ferien im Friedhof

 

Die Nekropolis von Cala Sant Vicenç: Prätalayotische Höhlengräber zwischen Pools und Chalets

 

Auf Mallorca gibt es kein Zinn. Das interessiert nur wenige, die an diesem heißen Sommertag traurig am Strand von Cala Sant Vicenç sitzen, weil eine rote Fahne vor dem Baden warnt. Die Luft steht, das Meer tobt, aber mit fortschreitender Stunde wird die Temperatur angenehm und man könnte einen Spaziergang unternehmen. Cala Sant Vicenç ist ein Feriendorf, und Feriendörfer sind außerhalb der “Animationszone” sterbenslangweilig. In diesem Fall ist das Attribut “sterbenslangweilig” mehr als verdient, denn die Ferienchalets am Ortseingang gruppieren sich rund um einen prätalayotischen Friedhof, den wir, um das Ferienambiente nicht zu stören, “Nekropolis” nennen.

Aber kommen wir auf die Zinnlosigkeit Mallorcas zurück: Aus Zinn und Kupfer macht man bekanntlich Bronze, deshalb war die Bronzezeit (1.800 bis 1.300 vor Christus) auf dieser Insel eine schlecht besuchte Veranstaltung. Mitten in dieser rohstoffbedingten Zivilisationskrise (was tun wir nur, damit die Nachwelt staunt?) ergriffen die damaligen Insulaner eine merkwürdige Maßnahme. Wenn wir schon zu Lebzeiten in elenden Steinhütten und feuchten Verschlägen leben müssen, dachten sie wohl, dann sollen es wenigstens unsere Toten schön haben. Und so hinterließen sie den Archäologen erstaunliche Höhlengräber. Eine der wichtigsten einigermaßen erhaltenen Beerdigungsstätten der Insel sind die “Cuevas de Cala Sant Viçenc”.

Ein Park zwischen den Straßen Dionis Bennassar und Joaquín Sorolla. Rundherum elegante Ferienvillas, in denen auf Teufel komm raus entspannt wird, um die Mieten zu amortisieren. Wenige Meter nach der Abzweigung von der Hauptstraße – ein rosaroter Kulturwegweiser verrät die Richtung – begrüßen den Kulturfan ein moderner “Taula” (zwei T-förmig übereinandergelegte Felsbrocken) und ein überquellender Papierkorb. Aus den Ferienhäusern links und rechts dringen Entspannungsgeräusche: Musik, kehrende Besen, Balkongeplauder. Ein merkwürdiger Ort für eine Nekropolis, um die sich seit jeher Legenden ranken.

In der “Geschichte des Königreichs Mallorca” des Historikers Joan Binimelis werden die prätalayotischen Gebilde erstmals schriftlich erwähnt. “In einem Eichenwald befinden sich zahlreiche Höhlen, die angeblich Riesen als Wohnungen dienten.” Von diesen Höhlen ist entweder nichts mehr übrig, oder die Riesen waren im 16. Jahrthundert erheblich kleiner als heute. “Außerdem”, fährt Binimelis atemlos fort, “findet man dort zahlreiche Gräber derselben und man hat Schenkelknochen gefunden, die größer waren als Menschen, und einmal fand man einen Kieferknochen eines Riesen, so groß wie die Öffnung eines Brotofens.”

Die Beschreibungen von Binimelis lassen eher den Verdacht zu, jemand habe in diesem Eichenwäldchen die Knochen eines Tyrannosaurus Rex aufgelesen. Aber tatsächlich stößt man beim Erkunden der Umgebung auf ein Waldstück, das auf magische Weise die Phantasie anregt und die Legenden erklärt. So magisch also war Cala Sant Vicenç, bevor die Ferienhäuser gebaut wurden und deren Einwohner ihre Stereoanlagen einschalteten.

Aber betreten wir den Weg, der hinter der “Taula”, dem Papierkorb und einer nekropolitanischen Informationstafel rechterhand zu den Höhlen führt. Ein Archäologe namens Hemp zählte 1927 insgesamt dreizehn Stück. Heute sind es nur noch sieben, aber man kann davon ausgehen, dass schon lange vor den Zwanzigern mehr als nur Knochen aus den über dreitausend Jahre alten Gräbern geborgen wurden.

Und wieder ein Rätsel: Die Höhlen wurden künstlich gegraben. Mallorca ist durchsetzt mit natürlichen Höhlen, rund dreitausend sind registriert, warum taten sich die Prätalayoten die Buddelei an?

Die Archäologen verweisen auf die “Heiligkeit” des Ortes. Diese Heiligkeit muss von einem geologisch begabten Priester attestiert worden sein, denn die Ortswahl macht Sinn: Im Gegensatz zum Untergrund der Umgebung besteht der Hügel in der Mitte des Tales aus besonders weichem Material. Hier konnten die Ur-Insulaner nach Herzenlust Grabhöhlen anlegen, die alle einem Muster entsprachen, wie auch andere entdeckte Höhlen aus derselben Epoche. Zum Beispiel in Son Sunyer, gar nicht weit vom Ballermann (allerdings auf Privatgrund), aber auch in anderen Regionen des Mittelmeers und dem französischen Midi.

Der Arbeitsaufwand legt nahe, dass die Gräber wichtigen Personen oder Familien vorbehalten waren. Der Bauplan sah aus wie folgt: Hübsch gestalteter Eingangsbereich, kleine Öffnung, Vorsaal, noch eine kleine Öffnung, und dann weitet sich die Höhle zu einem überraschend langen Raum mit Grabnischen, die seitlich aus den Wänden gehauen wurden. Die Normhöhle verfügte weiters über Bänke und wurde, sobald der Tote und die Grabbeigaben deponiert worden waren, mit einer Steinplatte verschlossen.

Schon die erste Höhle, in die wir kriechen, wirft die Frage auf: Gibt es ein historisches Denkmal ohne Coca-Cola-Dosen? Und was zum Teufel tut eine Riesentomate in einer prätalayotischen Grabhöhle? Mein Verdacht fällt auf die Jugend des Dorfes, die hier herrliche Verstecke für ihre Spiele findet. Jugendliche waren es freilich nicht, die der ersten Höhle ihren Vorraum wegnagten, eher die Erosion oder ein Bauunternehmer. Erst die zweite und dritte Höhle zeigen sich in gutem Zustand und sind wegen ihrer engen Zustiegslöcher weniger beliebt (keine Coca-Cola-Dosen). Obwohl auch der dritten Höhle das Dach fehlt. Interessant die Gestaltung der Eingänge. Bei Nummer drei weht ein Hauch von Orient, während bei Nummer zwei germanische Rechteckigkeit herrscht. Nummer vier ist eine echte Luxushöhle, Nummer fünf schon eher eine Garage, untypisch rund, mit Gestein, das unten grünlich, oben rötlich schimmert. In dieser selben Garagenhöhle befindet sich ein kleines Loch in der Decke, das ebenfalls zu Spekulationen einlädt. Manche meinen, Schatzsucher hätten es gebohrt, andere tippen auf Schmuggler, welche die Höhlen als Versteck nutzten.

Bis zu zehn Meter lang sind die Haupträume der größeren Grabhöhlen. Fast vollkommen zerstört ist Nummer sieben, gelegen unterhalb der Straße, die am Park vorbeiführt. Hier erwartet mich eine weggeworfene Packung “Kelloggs Choco Corn Flakes” mit einem inspirierenden Werbespruch: “Schnell, denken Sie an drei unterschiedliche Arten, den Tag gut zu beginnen.”

Manipulierbar, wie ich bin, griff ich das Spiel auf. Und dachte: Ein Kulturdenkmal ohne Müll zu sehen – das wär mal ein toller Beginn eines Tages.

Mallorca Zeitung Nr. 118, August 2002