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Flucht in den Kibbuz

 

Die Scud-Angst verschaffte den aus der Mode gekommenen Pioniersiedlungen eine kurze Renaissance

 

Wo die Wüste von Judäa schroff gegen das Tote Meer hin abfällt, hat sich der Kibbuz Ein Gedi an den felsigen Abhang gekrallt und dem Boden mit künstlicher Bewässerung ein grünes Urlaubsparadies abgerungen. Zwei Wochen lang wimmelte es hier von Tel-Aviv-Flüchtlingen. Nun herrscht wieder Stille, und Ein Gedi blickt in eine ungewisse Zukunft. Denn kriegsbedingt bleiben nicht nur Feriengäste aus, es droht auch noch die größte Wasserknappheit der jüngeren Geschichte.

Die Kibbuzim, die traditionsreichen Pioniersiedlungen Israels, haben seit Mitte der achtziger Jahre schon 3,5 Milliarden Doller Schulden angehäuft. Und die konservative Regierung gibt diesen Hochburgen linker Wähler naturgemäß nicht mehr so bereitwillig Hilfe wie die einst regierende Arbeiterpartei.

Dabei fühlen sich die Kommunen weiterhin als wesentliche, auch ideologische Stütze des Staates. Noch immer stellen die Kibbuzniks bei Militärpiloten und in den Eliteeinheiten von Armee und Marine zwischen 20 und 40 Prozent (bei einem Bevölkerungsanteil von 2,8 Prozent). Und in den vergangenen Jahren pilgerten Freiwillige aus aller Welt immer noch nach Israel, um diese alternative Lebensweise mit Gemeinschaftsarbeit und –essen, aber wenig Privateigentum und –leben zu erfahren.

Der Pilgerstrom versiegt indes. Schuld trägt „die Situation“, der Golfkrieg mit seinen unheimlichen Auswirkungen auf Israel. Normalerweise helfen bis zu 10.000 freiwillige Arbeitskräfte in kibbuzeigenen Plantagen, Stallungen und Fabriken mit. Jetzt ist das Häuflein der verbliebenen Idealisten und Abenteurer auf unter hundert geschmolzen, sagt die Vereinte Kibbuz-Bewegung (Sprachstudenten sind nicht mitgezählt).

Nicht immer ist Saddam der Alleinschuldige, offenbar hat der Krieg auch zu Spannungen zwischen Freiwilligen und Kibbuzniks geführt. Während sich die Israelis vor allem Sorgen um Angehörige in Tel Aviv machten, hofften die Freiwilligen auf Lob und Anerkennung für ihr heroisches Ausharren. „Wir verschwinden von hier“, pfauchte eine Gruppe junger Briten,. „Nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Leute hier. Die scheren sich einen Dreck um uns. Sie sagen uns nicht einmal Bescheid, wenn der Raketenalarm aufgehoben ist.“

Sowjetische Juden füllen die enstandene Lücke bisher nicht. Mit ihrer schweren Allergie gegen alles Sozialistische finden die „Olim“ genannten Einwanderer nur vereinzelt den Weg in die Gemeinschaftssiedlungen. 1990 waren es zwei Prozent der Ankommenden, 1991 begann mit steigender Tendenz.

Dafür fanden Zehntausende Israelis – vorübergehend – den Weg in den Kibbuz zurück. Unmittelbar nach den ersten Raketenattacken Mitte Jänner erinnerten sich viele Bürger aus Tel Aviv ihrer alten Kontakte, und den ländlichen Kibbuzim schneiten rund 30.000 Gäste ins Haus (in ganz Israel leben 125.000 Frauen, Männer und Kinder in 270 Kibbuzim). Ein „Familienfest“ war angesagt, nur wenige Kibbuzim konnten sich dazu durchringen, von den Gästen Kostenbeiträge zu erbitten. Vielen einkommensschwachen Familien wurde die Flucht vor den Scuds so erst ermöglicht.

In Extremfällen gerieten die von Gästen überschwemmten Kommunen jedoch in akute Zahlungsschwierigkeiten. Bachan, drei Kilometer von der Green Line (der Abgrenzung zur besetzten Westbank) entfernt, ein Winzling mit 100 Bewohnern, war in den ersten zehn Tagen nach Kriegsausbruch mit 150 Gästen überfüllt.

Ungeachtet dieses Imagegewinns kündigt sich das nächste große Problem bereits an. Trotz zunehmender Industrialisierung liefern die Kibbuzim noch 40 Prozent der israelischen Agrarproduktion. Damit wird sie die für den kommenden Sommer befürchtete Wasserknappheit besonders treffen.

Vor einer Woche stand der Pegel des Wasserspeichers der Nation, des Sees Genezareth, gut 1,7 Meter unterhalb der für diese Zeit des Jahres normale Marke. Die staatliche Wasserkommission drängt bereits Farmer und andere Großverbraucher, den Wasserkonsum präventiv zu senken.

Vor allem die Agrar-Kibbuzim werden jedoch schon jetzt von hohen Schulden geplagt. Krieg oder Frieden, für sie ist der Kampf ums Überleben vorprogrammiert.

Thomas Fitzner (Tel Aviv)

 

Profil, Nr. 9, 25. Februar 1991