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Er ging als guter Freund

 

Besatzungs-General Béthouart tot – Trauer auch in Vorarlberg

 

Am Sonntag starb in einem Sanatorium an der französischen Riviera General Emile Béthouart, ehemaliger Hochkommissär der Besatzungsmacht in Tirol und Vorarlberg nach dem 2. Weltkrieg. Die fünf Jahre seiner Amtsführung sind vielen Österreichern in guter Erinnerung. Als er im sEptember 1950 nach Frankreich zurückkehrte, wurde Béthouart als Freund verabschiedet, der viel für den Wiederaufbau des zerstörten Landes und für die Versöhnung beider Völker geleistet hat.

Mit dem 1. Armeekorps stieß General Emile Béthouart in den späten Apriltagen des Jahres 1945 nach Österreich vor. Obwohl die letzten deutschen Wehrmachtseinheiten den Franzosen zuweilen äußerst zähen Widerstand entgegensetzten, wie sich Béthouart in seinem Buch „Die Schlacht um Österreich“ (siehe Kasten) erinnert, wurden mit einer Tafel formal alle Unklarheiten ausgeräumt: „Ici l’Autriche, Pays ami“ stand darauf (zu deutsch: „Hier beginnt Österreich, befreundetes Land“). Weiter schreibt der im Alter von 92 Jahren verstorbene General: „Von der Bevölkerung wurden wir jedoch als Befreier begrüßt, und die Männer der Widerstandsbewegung leisteten uns wertvolle Hilfe.“ „Er war ohne Zweifel ein großer Mann“, sagt Alt-Landeshauptmann Ulrich Ilg über den Offizier, der als Kommandant der französischen Besatzungstruppen in Österreich und Mitglied des alliierten Rates wesentlich die Geschicke des aufgeteilten Landes in dieser Zeit mitbeeinflußte. Dieser Einfluß war positiv und Ilg meint heute, „sie hätten die französische Besatzungsmacht gegen keine andere eintauschen wollen“.

Ilg lernte Béthouart am 14. Juli 1945, dem französischen Nationalfeiertag, in Innsbruck kennen. Damnals begann eine freundschaftliche Verbundenheit, die bis lange nach der Besatzungszeit währte. „Béthouart besuchte regelmäßig die Salzburger Festspiele und kam auf dem Rückweg auch im Ländle vorbei“, erzählte Ilg in einem Gespräch mit der NEUEN. Dann saßen der ehemalige Besatzungschef und der Alt-Landeshauptmann zusammen und tauschten Erinnerungen aus.

Was Béthouart über die Ereignisse im alliierten Rat berichtete, habe seine Hochachtung für den französischen Offizier noch gesteigert, erinnert sich Ulrich Ilg, der sich vor rund zwei Jahren erst das letzte Mal mit dem hochbetagten Militär getroffen hat. Zu seinen großen Verdiensten zählt laut Ilg unter anderem das Kontrollabkommen, das der neuen österreichischen Regierung in der Praxis ermöglichte, selbständig Gesetze zu beschließen. In den von Frankreich besetzten Bundesländern Tirol und Vorarlberg habe Béthouart viel Wert auf ein gutes Verhältnis zwischen Besatzung und zivilen Stellen gelegt.

Über die weitgehend spannungsfreie Atmosphäre heißt es in dem Buch „Vorarlberg 1945“ von Dietlinde Löffler-Bolka: „Innerhalb von sechs Monaten nach der Wiedereinsetzung der Gerichtsbarkeit in Vorarlberg wurden mehr als 700 Fälle abgeurteilt. In diesem Zusammenhang wird von französischer Seite hervorgehoben, daß in zweieinhalb Jahren niemals auch nur ein Attentat oder ein ausgesprochener Feindschaftsakt mit tödlichem Ausgang durch einen Österreicher an einem Franzosen verübt worden ist; desgleichen wurde innerhalb derselben Zeitspanne nicht ein einziges Todesurteil durch ein französisches Gericht über einen Österreicher ausgesprochen.“

1950 wurde General Béthouart nach seiner Ablösung wie ein Freund verabschiedet und mit Ehrungen geradezu überhäuft. Das Interesse für Österreich blieb weiter erhalten und vertiefte sich sogar. Béthouart schrieb Bücher über Andreas Hofer, prinz Eugen und Über Metternoch, also über Persönlichkeiten, die mit der Geschichte Österreichs tief verbunden sind.

Am Begräbnis des französischen Generals wird unter anderem auch der Tiroler Landeshauptmann Wallnöfer teilnehmen. Auch Alt-Landeshauptmann Ilg hat seine Teilnahme zugesichert, „so es ihm irgend möglich ist“.

 

Kasten

 

„Ich widme dieses Buch Österreich – seinem Volk und seiner Regierung – zur Erinnerung an die schweren Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben.

Unerschütterlich und fest in den Zeiten der Not, gewandt in seiner Politik, stark in seinem Wiederaufbauwillen, hat Österreich die harte Prüfung bestanden.

Von der ersten Stunde an, als die Waffen schwiegen, haben unsere beiden Länder ein nachahmenswertes Beispiel für weltweite Versöhnung und europäische Zusammenarbeit gegeben. Eine fruchtbare Freundschaft hat sich zwischen Österreich und Frankreich entwickelt.

Ich weiß um den Wert dieser Freundschaft und hoffe, daß mein Buch dazu beitragen wird, sie weiterhin zu pflegen, zu vertiefen und zu festigen.

Béthouart

Handschriftliche Widmung General Béthouarts zu seinem 1967 in deutscher Sprache erschienenen Buch „Die Schlacht um Österreich“ (französischer Originaltitel: „La Bataille pour l’Autriche“)

 

„Die Schlacht um Österreich“

 

„Am 30. April 1945 marschierte die erste französische Einheit, die der 5. Panzerdivision angehörte, auf österreichisches Gebiet ein und besetzte das Dorf Hohenweiler. Dort war eben eine Untat geschehen: der Familienvater Hermann Rottmeier war von der SS erschossen worden, weil er an seinem Haus eine weiße Fahne gehißt hatte.“ Das schreibt General Emile Antoine Béthouart in seinem Buch „Die Schlacht um Österreich“. Der Titel bezieht sich entgegen den Erwartungen nicht auf die letzten Kriegstage in unserem Land, sondern auf die Jahre der Besatzung bis zur Unabhängigkeit Österreichs. Béthouart bezeichnet das Ringen um die Freiheit des besetzten Staates als die wahre „Schlacht um Österreich“.

Sein Buch macht nicht nur viele der Verdienste deutlich, die Béthouart sich um den Wiederaufbau in Vorarlberg und Tirol erworben hat, sondern auch, mit wieviel Sympathie und Verständnis für das besetzte Land der französische General seine Besatzungsmacht lenkte.

Ein markantes Beispiel für das Fingerspitzengefühl Béthouarts in Sachen Besatzungspolitik sind seine Bemerkungen über ein ganz spezielles Problem der französischen Truppen in Tirol: „Obgleich die Beziehungen zu Joubert im Jahre 1797 wie zu Ney 1804 nicht schlecht gewesen, obgleich es bayerische Truppen waren, mit denen Andreas Hofer auf dem Bergisel seinen Kampf geführt hatte, wurde in der Überlieferung alles uns Franzosen angelastet – denn die bayerischen Einheiten standen unter unserem Befehl.

Unsere erste Aufgabe mußte es daher sein, die französischen Truppen anzuweisen, sich jeglicher Äußerungen gegen das Andenken Andreas Hofers zu enthalten und alle Denkmäler und Inschriften mit seinem Namen zu respektieren. Man hoffte, auf diese Art alle Befürchtungen der Bevölkerung zu zerstreuen.“

Béthouart gibt in seinem Buch auch unumwunden zu, daß es zu Verfehlungen und manchen Spannungen zwischen den Besatzungssoldaten und der Bevölkerung gekommen ist – trotz aller Bemühungen der Führung: „Wo wurde die herrliche Maria-Theresien-Straße in Innsbruck von unseren Dienststellen mit einer Kollektion von Hinweisschildern nach allen Richtungen und Adressenangaben ‚verziert’, wie man es unter der deutschen Besatzung in Paris auf der Place de l’Opéra sehen konnte. Das war nicht nur geschmacklos, es war auch zwecklos und provozierend. Wir schafften diesen Unfug ab.

Ebenso nutzlos und herausfordernd waren die französischen Fahnen auf den beschlagnahmten Villen, die natürlich auch nicht gerade zu den schlechtesten zählten. Die Beflaggung wurde auf die offiziellen Gebäude beschränkt.“

Über Alt-Landeshauptmann Ilg schreibt Béthouart: „Wir trafen hier auf den ehemaligen Staatssekretär der Ersten Republik, Ulrich Ilg, einen allgemein geachteten und verehrten Mann, der nicht nur von allen Widerstandskämpfern, sondern von der ganzen Bevölkerung als der Geeignetste bezeichnet wurde, den Wiederaufbau des Landes in die Hand zu nehmen.“ Am 24. Mai 1945 ernannten die Franzosen ihn zum Vorsitzenden eines „Vorarlberger Komitees“, der praktischen Vorwegnahme einer Landesregierung.