Home > Reportagen > Historie im Niemandsland > Text

Der Besucher dieser Insel wird schon auf den ersten Metern seines Weges vom Flughafen ins Hotel mit jahrtausendealter Kultur konfrontiert. Er kriegt das bloß nicht mit. Auch manchen Flugpassagier würde interessieren, dass die Piste, auf der er gerade landet, eine der faszinierendsten talayotischen Anlagen Mallorcas in Grund und Boden planiert hat. Nur einen kleinen Teil dieser Anlage namens Son Oms konnten die Archäologen beim Bau der zweiten Landebahn von Son Sant Joan im Jahr 1969 retten, indem sie einen Tempel Stein für Stein abtrugen und inmitten einer der Geländeinseln zwischen Autobahnzu- und -abfahrtsschleifen wieder aufbauten. Dort kann man das zweitausend Jahre alte Gebäude besuchen. Ungefähr jeder Siebenhunderttausendste, der hier vorbeikommt, tut das auch.

Son Oms heute: eine leere Flasche Cava, eine leere Weinflasche, eine verrostete Bierdose, eine Dose “Bohnen mit Wurst und Speck”, eine zerknitterte Packung Marlboro Light, Glasscherben, Plastikmüll. In Sichtweite wirbt Air Berlin für den Mallorca Shuttle und auf der anderen Seite der Autobahnzufahrt lockt ein SYP-Supermarkt, als Konsumtempel beinahe ein “Kollege”.

In diesem modernen Panorama, unweit der Ballermannstrände, restlos umzingelt vom Autoverkehr und überdonnert von Düsenjets, ruhen die Grundmauern eines ungefähr zwölf mal zwölf Meter großen Baus mit sechs Säulen im Inneren. Man hat fast den Eindruck, dass er sich fragt: Was tu ich hier?

Was von den Archäologen als “Santuario” (Heiligtum) bezeichnet wird, war Teil eines für mallorquinische und talayotische Verhältnisse riesigen Komplexes, der in den frühen 60er Jahren in der Nähe des Landgutes Son Oms Vell ausgegraben wurde. Archäologen schließen aus dem Umfang des Komplexes und der Größe der Gebäude, dass es sich um eine superheilige Zone handelte. Gräber wurden gefunden, in denen Personen gemeinsam mit Hunden beerdigt waren (Letztere vermutlich als rituelle Opfer beigelegt). 1963 bereits reagierten die Behörden auf die überragende Bedeutung der Entdeckung und erklärten Son Oms offiziell zum “Kunsthistorischen Baudenkmal”. 1969 wurde grünes Licht zum Bau der zweiten Piste von Son Sant Joan gegeben, die direkt über das “Kunsthistorische Baudenkmal” drüberwalzte. Soviel nur zum Stellenwert des Prädikats “Kunsthistorisches Baudenkmal”.

Ein Team von Archäologen unter dem heutigen Direktor des Museo de Mallorca, Guillem Rosselló Bordoy, machte sich an die Rettung der Stätte, die Abu Simbel-mäßig verpflanzt werden sollte. Aber schon der erste herbeigerufene Kranwagen scheiterte an den gewaltigen Steinbrocken, die vor mehr als zweitausend Jahren – mutmaßlich ohne Kranwagen – hier aufgerichtet und übereinander geschichtet worden waren. Der Kran ächzte, Steine zerbrachen, das Team gab entnervt auf und beschränkte sich auf die Rettung des kleinen “Santuario”. Fotos der originalen Stätte vor ihrer Zerstörung sind übrigens im Stadtmuseum im Schloss Bellver zu sehen.

In diesem Niemandsland zwischen der Altstadt von Palma und den Lederhosenbars des Arenals erwarten den Freund historischer Gebäude noch weitere Überraschungen. Wie wär’s zum Beispiel mit einer Festung, die gebaut wurde, um einen Angriff der Vereinigten Staaten von Amerika abzuwehren?

Praktischerweise (für die Verteidiger) ist diese Festung von vielen Seiten unsichtbar. Ich halte es für absolut legitim, unsichtbar sein zu wollen, wenn ich die USA im Anmarsch wähne (ganz egal ob mit Bush als Präsident oder ohne). Die “Torre d’en Pau”, gelegen zwischen Cala Gamba und Ciudad Jardín, wirkt bis heute sehr diskret. Beim Wegfahren kam mir eine Straße plötzlich bekannt vor und ich kam drauf, dass ich auf dem Weg zum Haus von Freunden schon etliche Male ahnungslos an der Festung vorbeigefahren war

Ich hätte auch nie geahnt, dass die Mallorquiner ernsthaft daran gedacht hätten, die Yankees wollten sie angreifen. Aber wenn wir uns in die Zeit des Kubakriegs zurückversetzen, in dem Spanien die karibische Kolonie Ende des 19. Jahrhunderts an die USA verlor und zwischen den beiden Nationen jahrelang die Fetzen flogen, kann man nachvollziehen, dass Gerüchte über eine bevorstehende Invasion der Kanarischen und Balearischen Inseln ernst genommen wurden. Im Krieg wird jedes Gerücht ernst genommen, aufgeblasen, ausgeschmückt, weitergegeben, noch ernster genommen, undsoweiter, Endstation Panik. Also wurden die Wehrmauern von Palma mit Sandsäcken verstärkt und an der Stelle eines früheren Wachturms eine durchaus respektable Festung errichtet, nämlich die hier besprochene.

Der Ort war gut gewählt: eine kleine Erhebung wenige Meter vom Strand, von der praktisch die ganze Bucht von Palma zu überblicken (und beschießen) ist. Heute ist die Festung ein öffentlicher Park und der Blick ist das Privileg seiner Besucher, auch wenn sich ein paar Wohnblöcke in die Schusslinie gezwängt haben.

Die Anlage war Teil eines Verteidigungssystems, zu dem auch die Festungen Sant Carles (in Porto Pí, heute Militärmuseum), Illetes und Cap Enderrocat gehörten. Hier zitterten die Besatzungen monatelang der erwarteten Ankunft der amerikanischen Flotille entgegen. Das wirkt heute, da in der Bucht von Palma regelmäßig US-Flugzeugträger vor Anker gehen und außer Greenpeace und Antich niemand ein Ohrwaschel rührt, einigermaßen komisch.

Wenn man mal drin ist, verblüfft die Dimension der Anlage, die von gewaltigen Gräben umgeben und einem Glacis (abfallenden Vorfeld) umgeben ist. Geschützplattformen, Munitionsbunker und ein Gewirr von verdeckten Laufgräben, Rampen und Zufahrten strahlen trotz der Bemühungen der Gemeinde, das Ganze freundlich und parkig zu gestalten, noch immer einen wehrhaften Charakter aus.

Als ich diesem merkwürdigen Park meinen Besuch abstatte, ist er nicht eben überlaufen, obwohl die Müllmengen in der Einfahrt von regem Verkehr (in welchem Sinn auch immer) zeugen. Ein Spielplatz, ein Pingpong-Tisch, Sitzbänke – gemütlich ist es geworden in der “Torre d’en Pau”. Nur aus einem der Munitionsbunker tönt der Krawall einer übenden Rockband. Hier hatte ein Angestellter der Stadtverwaltung eine geniale Idee – die Wände sind wirklich zu dick, als dass sich jemand belästigt fühlen könnte.

Stellt sich die Frage: Was hat Herr Pau getan, dass der ab dem 15. Jahrhundert hier stehende, im 17. Jahrhundert neu aufgebaute Wachturm nach ihm benannt wurde? Der Überlieferung nach war Pau einer der Männer, die in der “Torre” Wachdienst schieben mussten. War er ein armes Schwein, dem soviele Schichten angehängt wurden, dass am Ende der ganze Laden seinen Namen trug? Ein früher Fall von Mobbing? Oder war er ein Held, der seine Mitbürger rechtzeitig vor Piraten warnte?

Pau jedenfalls erlebte nicht mehr, wie sein Turm 1875 zur Telegrafenstation für den Nachrichtenverkehr zwischen Mallorca und Menorca ausgebaut und nur fünfzehn Jahre später abgetragen wurde, um der Festung Platz zu machen. In dieser wiederum langweilte sich das Militär mangels Invasionen derart, dass es die “Torre d’en Pau” 1976 an die Stadtverwaltung von Palma verkaufte. Und die machte daraus einen öffentlichen Park.

Fazit: Die Umwandlung zum Park garantiert den Erhalt eines historischen Gebäudes eher als seine Erklärung zum “Kulturhistorischen Denkmal”. Vielleicht sollten sich die Archäologen diesen Trick abschauen.
Mallorca Zeitung Nr. 174, September 2003