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Hymne auf einen Steinhaufen

 

Ses Païsses hat 1000 Jahre als Dorf funktioniert und 2000 Jahre als Ruinenfeld überlebt

 

Um den Wert eines eines gut erhaltenen prähistorischen Dorfes auf Mallorca zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass die Menschen rund 2.100 Jahre Zeit hatten, es zu zerstören, als es bereits verlassen war. Das begann mit den römischen Legionären des Mallorca-Eroberers Quintus Cecilius Metellus im Jahr 123 vor Christus (wir können ihm leicht verzeihen, weil’s lang her ist und Archgäologen gab es damals nicht) und hat bis in unsere Tage nicht aufgehört. So wurde noch in den Sechziger Jahren ein einzigartiger talayotischer Komplex in Campos zu Straßenschotter verarbeitet (schon weniger verzeihlich, denn in den Sechzigern gab es schon Archäologen).

Da wird schon klar, warum das kultivierte Mallorca zu Hymnen anhebt, wenn so etwas wie Ses Païsses bei Artà die Jahrtausende relativ unzerkleinert übersteht. Hymnen im Wortsinn übrigens, denn über Ses Païsses wurde sogar eine Oper geschrieben (“Nuredduna”, 1947), die auf einem Gedicht des mallorquinischen Autoren Miquel Costa i Llobera basiert. Ihm ist am Eingang zum talayotischen Dorf eine erklärungsfreie Gedenkstele gewidmet.

Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Moment als einen sonnigen Herbsttag, um die Ses Païsses zu besuchen. Das ehemalige Dorf ist von einem Steineichenwald überwachsen, auf dessen Boden nach dem ersten Herbstregen das frische Gras sprießt. Zwischen den Bäumen erkennt man den Puig de Sant Salvador von Artà. Ses Païsses ist ein Geheimtipp für Romantiker, ein magischer Ort voller – Esoteriker würden sagen – “Schwingungen”. Vielleicht war das auch der richtige Ort, um den Niedergang der Magie zu erleben. Nicht mehr als ein Mobiltelefon und eine Frau mit unsagbar trivialen Gesprächsthemen waren dazu notwendig. Die Dame zog eine vollständige Runde durch diesen magischen Ort, das Handy am Ohr, den Blick starr zu Boden gerichtet, und plapperte mit einer Freundin über getätigte Einkäufe. Es war einer der nicht so häufigen Momente in meinem Leben, in denen ich echt nicht glauben kann, was ich sehe und höre.

Der “unvermeidliche Erzherzog” – gemeint ist Ludwig Salvator, der Ende des 19. Jahrhunderts in praktisch jeder Chronik jedes Ortes auftaucht – hatte Glück, denn seinerzeit gab es noch Magie und Schwingungen. Er fand das talayotische Dorf bemerkenswert, vor allem weil sich dessen Eingang so erhalten hat, wie sich der kleine Max einen Steinzeitdorfeingang vorstellt. Archäologen nennen die Bauform “zyklopisch”, nicht weil sie die Erbauer im Verdacht haben, einäugig vorgegangen zu sein, sondern weil das Bodybuilder gewesen sein müssen: Tonnenschwere Steinblöcke wurden da zu Mauern aufgeschichtet.

Bevor wir unseren Rundgang durch das Bodybuilderdorf fortsetzen, stecken wir unsere Nase in die Geschichtsbücher. Soviel ist vom Talayot die Rede, dass man sich wie ein Idyot fühlt, wenn man den Begriff nicht einordnen kann. Historiker datieren den Beginn der talayotischen Kultur auf 1.200 vor Christus. Schon damals gab es Krisen, und eine solche scheuchte ein relativ zivilisiertes Volk aus seiner angestammten Heimat irgendwo im oder am östlichen Mittelmeer. Auf der Suche nach neuem Lebensraum – man verzeihe den belasteten Ausdruck – wurden die Flüchtlinge auf Sardinien, Korsika und den Balearen fündig und radierten auf diesen Inseln die dort ansässigen Kulturen aus. Brutales Geschäft, die Geschichte. Markenzeichen der talayotischen Kultur ist das Talayot, ein aus Stein erbautes turmartiges Bauwerk, dessen Zweck nicht eindeutig geklärt ist. Verteidigung, Wohnstätte, Grab? Auf alle diese Verwendungen gibt es Hinweise.

Ses Païsses ist nicht nur interessant, weil dort eine mallorquinische Oper spielt, sondern auch, weil dieses Dorf praktisch während der ganzen talayotischen Epoche – von 1.200 vor Christus bis zur Ankunft der Römer 123 v. C. – besiedelt war. Erst mit der Anlandung von Metellus und seiner Archäologiebanausen wurde das Dörfchen verlassen und die Bewohner mussten Latein lernen und Aquädukte bauen. Was aber ist geblieben von der Siedlung?

Betreten wir Ses Païsses durch den Haupteingang und verharren wir: Ses Païsses? Das ist natürlich ein moderner Name. Kaum ein Wort der vorrömischen Inselsprache hat sich erhalten, Gott sei Dank, sonst würden einige Super-Nationalisten womöglich Verkehrsschilder in talayotischer Sprache aufstellen wollen. Klar ist nur, dass es sich um ein indoeuropäisches Idiom handelte, wie ein paar in römischen Inschriften gefundene Namen andeuten (Cucuma, Cuduniu, Isaptu, …).

Nach einem sehr kurzen Dorfbummel gelangen wir zum zentralen Talayot, oder was davon übrig ist: Ein kreisrunder Bau auf einer kleinen Erhebung in der Mitte des Dorfes. Rundherum die steinigen Fundamente mehr oder weniger rechteckiger Bauten. Drei deutsche Besucher runzeln vor einem Informationsschild die Stirn. Denkwürdiger Dialog: “Kann wer von euch Latein?” – “Ja, ich.” – “Was heißt Hypostylus-Raum?” – “Keine Ahnung.”

Wieder einmal erfreut sich der Leser der Mallorca Zeitung eines Wissensvorsprungs: ein Hypostylus-Raum ist ein Raum mit von Säulen getragener Decke. Sowas gibt’s ja fast überall, womit sich bestimmt bald eine Gelegenheit ergibt, dieses Wort wie nebenbei in die Unterhaltung einzuwerfen. Sieh mal an, was für ein hübscher Hypostylus-Raum! Man hätte freilich auch “Raum mit von Säulen getragener Decke” auf die Informationstafel schreiben können, denn wenn einer so gebildet ist, dass er den lateinischen Ausdruck kennt, weiß er auch ohne Infotafel, dass er vor einem Hypostylus-Raum steht. Aber die Hohepriester akademischen Wissens wehren sich hartnäckig gegen unbotmäßige Wissensanhäufung des Pöbels.

Auf dem Rundgang kommt man auch an den Resten der ehemaligen Wehrmauer von Ses Païsses vorbei, die 374 Meter lang war. Historiker schätzen, dass in dem 13.500 Quadratmeter großen Dorf etwas mehr als 300 Menschen lebten. In einem der Wohnhausruinen fanden Archäologen einen Glutbehälter, der dazu diente, die Glut unter Luftabschluss für das nächste Feuer aufzubewahren. Diese Methode wurde auf Mallorca noch bis Anfang des 20. Jahrhundert angewandt. Mit diesem Brückenschlag zur talayotischen Periode kommt einem das Zwanzigste plötzlich sehr altmodisch vor.

Ses Païsses hingegen ist heute auf der Höhe der Zeit: Souvenirshop, Limonaden, informationsreiches Faltblatt in verschiedenen Sprachen, ein Parkplatz, exzellente Beschilderung ab Artà – einem Besuch des Steineichenwaldes und seiner zyklopischen Bauten steht nichts im Weg. Mit ein bisschen Glück erwischt man einen magischen Moment. Handy besser daheim lassen.

Mallorca Zeitung Nr. 29, November 2000