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Da wird einer in der tiefsten Provinz geboren und mausert sich zum unprovinziellen Künstler. Aber weil er in die Provinz verliebt ist, bleibt er dort. Ibiza war Anfang des 20. Jahrhunderts noch provinzieller, als es heute trotz des Jet Sets und barbusiger Strandschönheiten immer noch ist. Narcís Puget Viñas hatte das Pech und das Glück, auf dieser Insel geboren zu werden. Seine Malerei ging weit über das hinaus, was die Ibizenker zu verstehen imstande und bereit waren. Eine Anekdote erzählt, wie sich ein Spaziergänger dem malenden Puget nähert und seinem Kind zuflüstert: “Schau mal, was dieser Mann tut, das lernen die Leute im Gefängnis.”

Damit wäre die Atmosphäre umrissen, in der Puget trotzig wie ein Mauerblümchen seine Kunst entwickelte, eine ibizenkische Version des Impressionismus. Heute ist der Mann mit dem Rauschebart, der 1960 im Alter von 85 Jahren starb, ein anerkannter Großmeister der balearischen Kunst, auch wenn sein Name nur selten das Festland erreicht hat. In der Lonja bietet sich bis 25. März die einmalige Gelegenheit, das Werk von Puget Vater und auch das seines Sohnes Narcís Puget Riquer (1916 – 1983) außerhalb ihrer Heimatinsel zu sehen, denn die Gemälde sind das komplette künftige Inventar des im Bau befindlichen Puget-Museums auf Ibiza. Darüber hinaus schließt die Lonja nach dieser Ausstellung wegen eines umfangreichen Renovierungsprojektes für mehrere Jahre ihre Tore.

Ein zusätzlicher Reiz der Doppelveranstaltung liegt im Vergleich von Vater und Sohn. Gemeinsam haben sie die figurative Ästhetik, die der Schönheit Ibizas ein kitschfreies Denkmal setzt. Die Unterschiede liegen in Motiven und Ausführung. Während der Vater sich auf die Menschen, und vor allem die Frauen Ibizas konzentriert, gibt sich Sohn Puget als Maler menschenscheu: Die wenigen Personen, die er abbildet, sehen den Betrachter nicht an. Seine Inspiration findet er in Straßen- und Hafenszenen.

Obwohl auch der Sohn als Künstler seine (provinziellen) Ehrungen erfuhr, sollte sich das Augenmerk verstärkt auf den Vater richten, eine originelle Persönlichkeit, die seinerzeit das einzige Fotostudio der Insel betrieb und eigentlich über die Fotografie zur Malerei gelangte. Kurioserweise ist kaum ein Foto erhalten geblieben, was umso schwerer wiegt, als er in der künstlerisch minder bewerteten Endphase seines Schaffens vermehrt nach Vorlagen eigener Fotografien arbeitete.

Puget Viñas galt als Kauz. Nur wenn ein Ibizenker den Kopf aus diesem Provinzuniversum streckte, kam es zu Augenblicken der Erkenntnis. Beispielsweise als Puget den Louvre in Paris besuchte und ein begleitender ibizenkischer Freund aufgeregt aus dem Saal der Impressionisten gelaufen kam und rief: “Puget, komm, da hängen deine Bilder!”

Ein Missverständnis natürlich, in den Louvre hat es kein Puget je geschafft. Vielleicht ist sein Werk auch zu folkloristisch, um Anerkennung zu finden.Was am Werk des alten Puget besticht, wird vor allem an den Zeichnungen deutlich. Mit welcher Stilsicherheit er mit wenigen Strichen Szenen ins Leben ruft, Menschen porträtiert, eine Raumtiefe auf ein weißes Blatt Papier zaubert, erstaunt umso mehr, als er es mit einem Publikum zu tun hatte, das sich mit Applaus und Ansporn in den ersten Jahrzehnten seines Schaffens sehr zurückhielt. Auch die Gemälde zeigen die selben Qualitäten: Ein Minimum an Detail in der Ausführung vermittelt einen Maximum an Eindrücken. Ein paar wenige farbtriefende Pinseltupfer, und eine porträtierte Frau zeigt Charakter, Ausdruck und sehr oft Schönheit, ein Eindruck, der sich ja vielfach aus dem Ungefähren und der Distanz nährt (schon mal ein Fotomodell aus nächster Nähe betrachtet?).

Eine andere Welt ist hier verewigt, das Ibiza der streng verhüllten, doch meist farbenfroh gekleideten Frauen, die Insel des klaren Lichts und der scharfen Schatten, eine bäuerliche Welt, die noch nicht weiß, was ihr bevorsteht.

Sehr selten ist das von einem “Provinzmaler” so schön und ausdrucksstark festgehalten worden.

 

Mallorca Zeitung 2001