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Wer sich als Künstler mit dem Thema “Traum” auseinandersetzt, stößt in die Ursuppe der menschlichen Kreativität vor. Hohe Erwartungen sind also gerechtfertigt, wenn die “Vereinigung zum Gedenken an das 100jährige Jubiläum der Traumdeutung von Sigmund Freud” zu einer Ausstellung mit dem saloppen Titel “Divaneos” einlädt, was sich ungefähr mit “Couchereien” übersetzen ließe. Im Casal Balaguer ist bis 18. September zu sehen, was 55 Künstlern dazu eingefallen ist, und während die Diversität des Gezeigten nicht überrascht, fallen doch markante Unterschiede in Ansatz und Qualität auf. Das ist kein Schwachpunkt, im Gegenteil: Im Hinblick auf das Thema – und neben diesem – macht genau das den Reiz der Veranstaltung aus.

Eine derart vielschichtige Vorgabe polarisiert nicht nur die Künstler, sondern stellt auch für den Organisator eine Herausforderung dar. Das Unbewusste als bester Freund und heimtückischer Feind von Kreativität und Kommunikation. Die Angst des modernen Künstlers, allzu leicht gedeutet zu werden. Dann ist Traum ja auch ein Thema, das die Kniffe der Kreativen bloßlegt. Es führt dem simplen Betrachter vor Augen, dass er selbst mit Hilfe seines Unbewussten zu künstlerischem Schaffen in der Lage ist, dass eigentlich jeder ein Künstler ist, und dass es vielleicht nur eine Frage des technischen Umsetzens des kreativen Potentials in konkretes Schaffen ist, ob das Individuum damit ein Publikum erreicht oder nicht. Es ist kein Geheimnis, dass viele Künstler auf dem Weg in ihr Unbewusstes, diesem unerschöpflichen Ideen-Reservoir, Abkürzungen nehmen, indem sie sich in tranceartige Gemütszustände versetzen. Die Techniken oder Tricks reichen von bloßer Konzentration bis hin zu Alkohol und Drogen.

Und dann, im konkreten Fall dieser Ausstellung, die banale Frage der klassischen Psycho-Couch – wagt man den Frontalangriff, indem man die Couch als solche zum Thema macht (woran sich eine andere bange Frage schließt: kann das nach hundert Jahren noch originell sein, oder wieder?), oder sich besser ins Abstrakte verkriechen, es ist ja alles erlaubt. Oder sich weigern, originell sein zu wollen, weil Originalität eine Anbiederung an das Publikum darstelle?

Die Ausstellung im Herzen Palmas spiegelt den Kosmos all des Menschlichen im Künstler wider. Antoni Ferragut lässt rostige Käfer durch eine Glasvitrine dringen. Menéndez Rojas zeigt einen Körper, der an eine antike Heldenfigur erinnert, gefangen in einem Goldfischglas. Henar Jiménez gelingt es, mit bedruckten und danach übermalten Stoffen geisterhafte Effekte zu erzielen und hievt das Wesen des Traumes und der Kunst ans Tageslicht: das Kombinieren von Altbekanntem zu etwas vollkommen Neuem. Pep Guerrero tritt die Flucht nach vorne an und malt Traumhaftes direkt auf einen Diwan – seine Skulptur hat denn auch den Fensterplatz im Schauraum erobert und zeigt sich den Passanten als bekanntes Freud-Markenzeichen.

Traumhaftes und Alptraumhaftes, eine natürliche Verbindung. Miguel Czernikowskis beklemmendes Schwarzweiß-Bildnis einer gesichtslosen Schönen, verhüllt, gefangen, ein Strick hängt lose um den Hals. Auch Installationen dürfen nicht fehlen. “La Vaca en el Pastizal” (bereits der Künstlername lädt zur Psychoanalyse ein) zeigt eine Installation mit 30 winzigen Dias: “Der Traum der Blumen”. Und gleich daneben eines der schönsten Werke der Ausstellung, eine simple Installation mit einem Regenmantel und zwei Briefen: “Die Antwort des Di an seinen Freund Van”, eine melancholische und poetische Reise in die menschliche Seele, geschaffen von Dolores Caballero.

Die Vereinigung, die sich auf der Insel ausschließlich zum Gedenken an Sigmund Freuds epochale Veröffentlichung konstituiert hat, führt neben dieser Ausstellung eine Reihe anderer Veranstaltungen zum selben Thema durch. Im Oktober zeigt sie im Kulturzentrum Sa Nostra einen kleinen Filmzyklus mit Meisterwerken wie Orson Welles’ Kafka-Verfilmung “Der Prozess” (1962) und Fritz Langs “Gefährliche Begegnung” (1944). Das Programm wäre natürlich unvollständig ohne den “Andalusischen Hund” (1928) von Luis Buñuel.

Im November und Dezember finden im selben Kulturzentrum Vorträge zu den Themen Traum, Traumdeutung und Psychoanalyse statt. Sigmund Freuds komplette Persönlichkeit – Id, Ich und Über-Ich – hätte sich über eine so vielfältige und stilvolle Würdigung seines Schaffens gefreut. Zu Lebzeiten genoss er nicht immer Anerkennung und Respekt. Freud musste bekanntlich 1938 nach London fliehen, nachdem der Seelenforscher in seiner österreichischen Heimat eine besonders heimtückische Geisteskrankheit entdeckt hatte: den Antisemitismus.

 

Thomas Fitzner

 

Mallorca Zeitung 2000