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Der “Archäologische Führer Mallorcas” zeichnet sich durch präzise Wegbeschreibungen aus. Und wenn diese Beschreibungen Lücken aufweisen, dann hat das seine triftigen Gründe. Nehmen wir als Beispiel Son Matge, einen Ort, bei dessen Erwähnung jeder Inselarchäologe vor Erregung mit den Ohren wackelt, denn hier wurden nicht nur versteinerte Myotragus-Exkremente gefunden, sondern ein wahres Register von fünftausend Jahren Menschheitsgeschichte auf Mallorca. Aber wie gelangt man an diesen archaischen, mythischen und durch keinerlei Hinweisschilder entstellten Platz?

Wir folgen der Wegbeschreibung zunächst bis zum Ausgang der Talenge auf dem Weg von Palma nach Valldemossa, bekannt als “S’Estret”, was ja auch eng klingt, und stellen das Auto auf einem Parkplatz linkerhand ab, wo ein paar Meter der alten Straße übrig geblieben sind und zu einem Moment des Gedenkens an die automobilistische Prähistorie einladen. Dann nehmen wir einen Fußweg bis zu einem, und ich zitiere nun wörtlich, “Tor, das den Zugang zum Eichenwald versperrt”. Genau den Eichenwald, in dem sich Son Matge befindet.

Es folgt ein mysteriöser Sprung im Text. “Sowie man die Steinmauer hinter sich gelassen hat …” lese ich weiter, das Buch in der Hand und etwas ratlos vor einem Tor, das tatsächlich den Zugang versperrt, und zwar mit einem Vorhängeschloss von der Größe einer Osterfest-Empanada, während der Zaun mit Stacheldraht garniert ist, für den Fall, dass man Zweifel an den Absichten und Abneigungen des Erbauers hegt. Wie zum Kuckuck soll ich die Steinmauer hinter mir lassen, wenn ich wie der Ochs vor einem verschlossenen Tor stehe?

Mein Blick wandert die Mauer entlang, und plötzlich sehe ich, was der Autor des Archäologischen Führers zwischen den Zeilen schreibt: Da klafft ein enormes Loch im Maschendrahtzaun, vermutlich seit neun Jahren, denn so alt ist das Büchlein schon. Oder kümmert sich jemand, wenn schon nicht um die Erhaltung dieses landschaftlich-historischen Juwels, dann wenigstens um das Loch im Zaun? Jedenfalls verstehe ich nun, dass dies die Lücke ist, die auch im Text klafft.

Wer tiefer in diesen Wald eindringt, hat bald das Gefühl, Urweltluft zu schnuppern. Lediglich der Verkehrslärm von der nahen Straße versaut das Ambiente. Dabei ist Son Matge nicht nur eine Pilgerstätte für Romantiker und Historienverrückte. Hier versammeln sich oft auch Klettersportler, die genau über dieser ehemaligen Schatzgrube der Archäologie ihrem Hobby frönen.

Die Karriere von Son Matge als Wohn- und Versammlungsort begann vor siebentausend Jahren, als ein Zweibeiner seinem Kumpel zugrunzte: Guck mal den Felsüberhang, da sparen wir uns Bauarbeiten und Ärger mit Lizenzen, und einbruchssicher ist das auch. Sicherheit war zweifelsohne ein wichtiges Motiv, denn Son Matge liegt behütet in einem Steilhang, unter dem sich der besagte dichte Wald erstreckt, und über dem sich eine gewaltige Felswand erhebt. Etwelche Feinde oder gefährliche Tiere konnten sich nur vom Wald her annähern und mussten dabei eine für den Kreislauf ungesunde Steigung bewältigen. Wenn sie bemerkt wurden, war die Schwerkraft auf Seiten der Verteidiger: sie konnten von oben Steine auf die Angreifer schleudern.

Kurioserweise ist Son Matge heute in genau dem Zustand zu erblicken, in dem die ersten Siedler den Ort vorfanden. Denn ab jenem Zeitpunkt produzierten die Aktivitäten der jeweiligen Bewohner – von Jagen, Grillen und Schlafen bis hin zum Sterben – fünftausend Jahre hindurch die unglaubliche Anzahl von 36 Ablagerungsschichten mit einer Gesamttiefe von fünf Metern. Entdeckt wurde dieses archäologische Register von einem Künstler, der sich auf Mallorca niederließ und vom Künsteln auf prähistorisches Investigieren umstieg: William Waldren (sein Museum in Deià ist eine Pflichtvisite für jeden Freund kurioser Institutionen). Als diese legendäre Figur der mallorquinischen Altertumsforschung 1968 auf Son Matge stieß, diente die Felswand mit ihrem Spaltengewirr als Schmugglerversteck. Sieben Jahre lang suhlten sich Waldren und der mittlerweile abgetretene Direktor des Museu de Mallorca, Rosselló-Bordoy, in jahrtausendealtem Datenmaterial. Schicht für Schicht wurden die Ablagerungen entfernt, wobei die Archäologen auf die einzige erhaltene weibliche Kultfigur aus jener Epoche stießen, die allseits bekannte “Dame von Son Matge”.

Zu ihrer Verblüffung entdeckten die Forscher neben Knochenresten der mallorquinischen Urantilope Myotragus auch Koproliten, das sind die Dinger, die ein Tier auf den Boden fallen lässt, sobald der Verdauungsvorgang abgeschlossen ist, und zwar in fossilem und somit geruchsfreiem Zustand. Der Fund führte zur Vermutung, die Urmallorquiner könnten die Urantilope in Gefangenschaft gehalten haben, eine revolutionäre Theorie, zumal lange bezweifelt wurde, ob Mensch und Myotragus einander jemals begegnet waren.

Gegen Ende der menschlichen Besiedlung dieses wildromantischen Fleckens wurde Son Matge mehr und mehr zum Friedhof. Unwillkürlich bringe ich die gigantischen Felsbrocken, die im Wald herumliegen und die sich irgendwann mit Getöse aus der Felswand gelöst haben müssen, mit diesem letzten Verwendungsweck in Verbindung. Auch an jenem Überhang, in den die Klettermaxen ihre Nägel eingeschlagen haben, wo die Karabiner baumeln und unter dem ein Paar zerschundener Kletterschuhe liegt, zeichnet sich bereits ein Riss ab, an dem millimeterpräzise zu erkennt ist, wo der nächste Brocken abbrechen wird. Morgen, in einem Monat, in tausend Jahren, egal, ich wäre gerne weit weg. Und ich frage mich natürlich, ob vielleicht unter einem der im Wald herumliegenden Felsen die Reste eines unglücklich dahingestreckten Myotragus oder Urinsulaners ruhen.

Bevor ich Son Matge den Rücken kehre, schnüffle ich ein wenig in der Umgebung herum und entdecke eine gewaltige Felsspalte, die einen hundert Tonnen schweren Felsbrocken wie in Schwebe eingezwängt hält. Die Tiefe dieser schräg durch den Berg verlaufenden Spalte verliert sich an diesem Sommernachmittag im Dunkeln. Plötzlich raschelt es im Laub und ich halte nervös Ausschau. Doch Gott sei Dank, es ist kein Mastino mit Bewachungsauftrag, sondern eine Ziege, die als entfernte Verwandte der mallorquinischen Urantilope zum Abschied ein wenig Myotragus-Feeling vermittelt.

Mallorca Zeitung Nr. 175, September 2003