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DieErscheinung des Herrn Barceló

 

Miquel Superstar kehrt heim und Palma steht Kopf

 

Niemand tut so, als ob er lauert, dabei lauern sie alle. Mehr als zwanzig Reporter habensich über den Platz vor der alten Seehandelsbörse verstreut, die Kameras undMikrofone deuten noch gleichgültig in alle Richtungen, doch immer wieder suchenBlicke die Umgebung ab. Aus welcher Richtung wird er kommen? Welche Kleidungwird er tragen? Was wird er sagen? Und wie zum Teufel komme ich an ihn ran?

Es ist zwanzignach sechs, um sechs ist Pressetermin angesagt und hundert Minuten fehlen zurEröffnung der palmesanischen Ausgabe der Bilderschau von Miquel Barceló,Felanitxer, Sohn einer Landschaftsmalerin, mittlerweile mehr Afrikaner undPariser, aber eben auch Mallorquiner, und nach langer Pause in der Heimat hauter mit vier gleichzeitig laufenden Ausstellungen, einer auf jederBaleareninsel, kräftig auf den Putz.

Die Luftknistert vor Spannung, so mancher Star könnte von Barceló lernen: Man legeeinfach eine Pause von 25 Jahren ein, mache einen Umweg über Neapel, Paris, NewYork (lasse sich dort, nebenbei, von Andy Warhol porträtieren), lege sich einenblitzcleveren schweizerischen Kunsthändler zu und werde weltberühmt, schonzittert die insulare Reporterschar der Epiphanie entgegen: Ein Gott wirderwartet.

Mit derGelassenheit ist es vorbei, als ein kleiner runder Mann vom Paseo Sagrerakommend mit kräftigem Schritt mitten in die Ansammlung vor der Lonja steuertund sich, um von Kameras und Mikrofonen nicht gleich am Anfang erschlagen zuwerden, in eine Gruppe von Freunden rettet und busselnd zwischen breiten Rückenverschwindet. Das wäre nochmal gut gegangen.

Aber: EinePressekonferenz ist angesagt. Fatalerweise ohne strikten Rahmen, kein Podium,keine Stuhlreihen, freie Jagd ist angesagt, und als Miquel Barceló, “Spaniensinternational bekanntester lebender Künstler” (Francesc Antich), gemeinsam mitGuillem Frontera, Schriftsteller und als Direktor der Fundación Balears 21Gastgeber des Abends, über eine schmale Metallrampe in die Lonja schreitet,blasen die Reporter zu einem Halali, dass Miquel, obwohl an Rummel gewöhnt,fast wieder rausgestürmt wäre. Oder genießt er es? Das bleibt die große Frage.

Gekleidet ineine graue Hose mit Glitzerpunkten, weißes Hemd und lustige Sportmokassins tutBarceló, dem die noch blonden, aber mittlerweile weniger zahlreichen Haaremittig wie üblich zu Berge stehen, so, als ob er mit Frontera seine eigene Ausstellungbegutachtet und ihm Bilder erklärt oder was weiß ich was. Um das Duo hat sicheine zähe, bewegliche, aber undurchdringliche Masse von Fotografen,Kameramännern, Mikrofonhaltern und Schreiberlingen gebildet, denen umgehendgekündigt wird, sollten sie keine vollständige Serie “Barceló mit Frontera inder Lonja” nach Hause bringen. Irgendwann räumt Frontera das Feld und Barcelóstellt sich auf Wunsch des Publikums vor eines seiner großformatigen Gemälde,verknotet die Beine, verrenkt den Oberkörper, wendet den gesenkten Kopf nachhie und da, und das losbrechende Blitzlichtgewitter erklärt, warum Starsnormalerweise Sonnenbrillen tragen – so also kommen diese markantenBarceló-Fotos mit diesem immer ein wenig verdreht und verschwurbelt wirkendenMaler zustande.

Ich sehe mirnachher das Bild an, das der 46-jährige Ultra-Mega-Superstar der balearischen,spanischen, internationalen Kunstszene als Hintergrund für die Pose ausgesuchthat: “Weißer Gorilla am Strand”, und der abgebildete Primat sieht ganz so aus,als stürmte gerade eine Reportermeute auf ihn zu: Abstehende Haare,schreckgeweitete Augen, jede Ähnlichkeit mit Miquel wäre Zufall.

Jetzt die“Presskonferenz”. Abseits des soliden Ringes aus Reporterrücken erwägt einrestlos erledigter Reporter von TVE, ob er sein Mikrofon in den Abfalleimerschmeißen oder mit imitierter Stimme ein Exklusivinterview fälschen soll – erfindet nicht einmal ein Loch, um sein Mikro durchzustecken. Im Zentrum desGewühls der kleingewachsene Miquel, das Gesicht mit Mikrofonen zugenagelt, undmitten im Getümmel und Gerempel schafft eine Kollegin es tatsächlich, einenSatz mit “Romantizismus” und “unendliche Räume” zu bilden.

Ich wende michan Frontera und er erzählt mir von Reiseagenturen, die an einer “Tour deBarceló” arbeiten: Die Ausstellungen auf allen vier Inseln abklappern,Sonderpreis, und eine VIP-Version mit Hubschrauber für eiligeBarceló-Enthusiasten ist ebenfalls im Gespräch, “wäre natürlich fantastisch”,meint Frontera, aber was wird Miquel dazu sagen, bekennender Umweltschützer,der vor 26 Jahren an einer Öko-Besetzung des Inselchens Dragonera teilgenommenhat?

DiePressekonferenz ist zu Ende, Miquel Barceló läuft ein paar Schritte, schütteltdie Arme aus und wird nun von Weitem fotografiert, denn noch fehlen ein paar“spontane Szenen”, und zum “Herumgehen” hat er sich trotz des Flehens einerTV-Reporterin nicht breitschlagen lassen.

Zwanzig Uhr:Feierliche Eröffnung. Gut, dass der Papstbesuch an einem anderen Tagstattfindet, die Kirche erspart sich ein Debakel. Polit-, Kunst- undPseudoprominenz, wohin man blickt. Von den Besuchern, die Miquel Barcelópersönlich willkommen heißen, möchte ich die Kellnerin Teresa vom nebenanbefindlichen Café Lonja hervorheben (was, den kennt sie auch?). Doch wiedergerät die Show außer Kontrolle. Während Balearenpräsident Antich eine weniginspirierte Rede runterleiert, strömt nach dem vornehm gekleidetenVernissagenvolk halb Palma in den Raum, als ob die Lonja eine Saugwirkungentfaltete. Antich kämpft tapfer, aber chancenlos gegen den anschwellendenBesucherkrawall an und schleicht mit verlegenem Grinsen zurück in dieVIP-Reihe. Aber immerhin: Miguel Bosé wurde um Autogramme gebeten. Sie kennenBosé nicht? Das war der Typ gleich rechts neben Miquel Barceló, Sänger odersowas …

 

Thomas Fitzner

 
MallorcaZeitung Nr. 157, Mai 2003