Home > Buchttip > Nacido Hombre > Text

Eine Kindheit auf Mallorca:

„Nacido Hombre“ (Spanisch)

 

Erstmals hat der mallorquinische Armenpriester, Freelance-Jesusjünger und Medienliebling Jaume Santandreu keinen Roman geschrieben, sondern eine Autobiografie, konkret eine Schilderung seiner ersten zehn Lebensjahre. Genau das bereitet Unbehagen, riecht nach „Skandal“. Santandreu macht keinen Hehl daraus, dass die ersten 16 Kapitel seines Buches, und somit der Großteil davon, nur eine Vorbereitung auf jenen Abschnitt sind, auf den sich die Presse und zweifelsohne auch viele Leser zuallererst stürzen: Dort nämlich ist beschrieben, wie er als Neunjähriger in der namhaften Lasalle-Schule in Manacor von einem Geistlichen in die Freuden des Fleisches eingeführt wird und dabei so etwas wie eine „Liebesbeziehung“ entsteht.

Der „Rest“ jedoch, also die ersten 16 Kapitel von „Nacido Hombre“ (Als Mensch geboren), sind aus anderer Perspektive bemerkenswert. Mit der Schilderung einer „vollkommenen Kindheit“ führt Santandreu, ein versierter und mehrfach ausgezeichneter Literat, auf eloquente Weise eine Insel vor Augen, wie sie heute nicht mehr existiert. Wir lernen Jaume als Musterknaben der von Nonnen betriebenen Volksschule kennen, und begleiten ihn, wenn er mit acht Jahren seiner ersten Arbeit nachgeht: An jedem Werktag um sechs Uhr morgens macht sich der Knirps mit einem Eselkarren auf den Weg, um von den Höfen der Umgebung die frisch gemolkene Milch abzuholen und in die Molkerei zu bringen. Die detaillierte Schilderung seiner Erlebnisse als „Milchkutscher“ ist eines der Juwelen von „Nacido Hombre“.

Für unkundige Leser (sprich: ausländische Inselbewohner) erweisen sich die von Autor und Übersetzer gemeinsam erarbeiteten Kommentare am Ende eines jeden Kapitels als nützlich: Sie bieten Erklärungen zu historischen Hintergründen und vertiefen bzw. präzisieren Aspekte, die der Autor im literarisch Ungefähren belässt.

In der umfang- und anekdotenreichen Beschreibung der Verwandtschaft taucht ein Großonkel auf, Mateu Santandreu, eine bemerkenswerte Figur: Globetrotter, unangepasst, freiheitsliebend, unfähig zum soliden Lebenswandel. Man kann nur mutmaßen, inwieweit die letzte Begegnung den späteren Armenpriester programmiert hat: Als 13jähriger erkennt Jaume Santandreu in einem Gammler, der auf einer Parkbank liegt, seinen Verwandten Mateu, kann sich ihm jedoch nicht nähern, weil er unter Schweigebefehl in einer Reihe disziplinierter Seminaristen marschiert.

Ein anderes Erlebnis fällt in die Kriegszeit. Der kleine Jaume bekommt vom Horror – Manacor war Schauplatz eines falangistischen Massenmords – nichts mit. Doch eines Tages, als die Eltern die älteste Tochter mit den fünf anderen Kindern alleine zu Hause lassen, begegnen die Geschwister auf dem Feld einem Uniformierten. Die schreckstarren Kinder sind wehrlos, als der Bewaffnete die zweitälteste Schwester Santandreus zum Mitkommen „überredet“. Das Mädchen wird später von Jägern zurückgebracht, die den Mann mit dem Kind „hinter einem Busch“ überraschten. Die Jäger raten den Eltern dringend, in der Sache nichts weiter zu unternehmen, denn der Täter sei einflussreicher Falangist.

Auch das ein Schlüssel zum Verständnis des heutigen Revoluzzer-Priesters. Doch blitzt auch immer wieder jener respektlose Humor auf, den Santandreu sich leistet, weil „ich so fest an Gott glaube, dass ich in aller Ruhe Atheist sein kann“ (hier zitiert der Autor sich selbst, nämlich aus einem seiner zahlreichen Gedichtbände). Dass in seiner Familie Schlagfertigkeit genetisch bedingt sein könnte, lässt eine Anekdote über seinen Großvater ahnen. Als dieser im Morgengrauen eines klirrend kalten Wintertages den Pfarrer abholt, um ihn mit der Kutsche zur Kirche zu fahren, hüllt sich der Geistliche in etliche wärmende Gewänder und sagt am Ende der endlosen Prozedur: „Nun ist mir überall warm, nur nicht an der Nasenspitze.“ Worauf der frierende Kutscher erwidert: „Die könnten Sie mir in den Hintern stecken. Dann wäre Ihnen überall warm und mir überall kalt.“

 

“Nacido Hombre”, Jaume Santandreu, Übersetzung ins Spanische von Àlex Volney, Flor del Segle, 20 Euro, in Buchhandlungen auf Mallorca.

Die katalanische Originalfassung erschien 1997 unter dem Titel „Encís de minyonia“ (Zauber der Kindheit).