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Ihr Vater war Wildschweinjäger auf Indonesien, ihr Ehemann ist Literat, ihre Tochter ist Puppenspielerin, ein Sohn ist Bildhauer, der andere Musiker. Muriel ten Cate ist von tapferen Gestalten umgeben, die aus Leidenschaften Lebensprojekte gemacht haben. Die 1933 in der indonesischen Hauptstadt Jakarta geborene Künstlerin mit dem holländisch-asiatischen Stammbaum ist eine kleine Person, die ungern auffällt, die am liebsten für immer in ihrem bei Costitx versteckten Häuschen malen würde, die sich auch nur widerwillig aus der “Wildnis” in die Inselhauptstadt locken lässt, um eine Ausstellung zu eröffnen, wie kürzlich in der Galerie Lebasi, wo ihre Werke bis 10. Oktober zu sehen sind.

An ten Cate bewahrheitet sich: die leise sprechen, haben oft viel zu sagen. Als Malerin in ständiger Furcht, der Versuchung des allzu einfachen Effektes zu verfallen, bevorzugt sie es leise. Wenn Farben schreien, sieht sie rot.

Wie bei den meisten Künstlern ist ihre Arbeit auch eine Bewältigung von Lebenserfahrungen. Als der Zweite Weltkrieg in Asien ausbrach und in das damals von Holland kolonialisierte Indonesien übergriff, wurde Muriel als Kind von japanischen Soldaten in ein Konzentrationslager verschleppt. So ging es all jenen, die ”mehr als fünfzig Prozent holländisches Blut in sich hatten”, erinnert sich die Künstlerin und fragt sich bis heute, wie das seinerzeit gemessen wurde.

Zweieinhalb Jahre lang muss sie mit ansehen, wie Menschen gefoltert und misshandelt wurden, wie Gefangene, deren Delikt eine Überdosis holländischen Blutes war, an Krankheit und Entkräftigung starben. Doch darüber zu berichten fällt ihr überraschend leicht. Über das Trauma einer frühen Kindheitserfahrung hingegen will sie bis heute nicht öffentlich sprechen, obwohl es symbolhaft und verschlüsselt in zahlreichen Bildern auftaucht. Auch in jenen, die bei Lebasi zu sehen sind.

Muriel ten Cate, die erst vor kurzem den Familiennamen ihrer Mutter an ihren bisherigen Künstlernamen Muriel angehängt hat, lebt heute in einer klassischen Maleridylle: Weitab vom Trubel dessen, was wir Zivilisation nennen, begleitet von den Büchern, Schriften und Gedanken ihres Ehemannes, begleitet von fünf Katzen, begleitet auch von Skulpturen eines Sohnes, sucht sie Tag für Tag nach Wegen, das, was in ihr vorgeht, auf Papier und Leinwand zu übertragen. Ihre bevorzugte Technik ist das Aquarell, was schon mal eine Methode ist, Farben leiser sprechen zu lassen. Aber vielleicht hat es mit dem Aquarell auch etwas anderes auf sich. Erst vor kurzem, sagt Muriel, habe sie entdeckt und akzeptiert, dass sie von chinesischen Vorfahren eine spezifisch fernöstliche Sensibilität für dieses Medium mitbekommen habe. Bis dahin hatte sie sich als ausschließlich westliche Künstlerin gesehen. Diese Entdeckungsreise ins eigene Ich setzt sie mit Fingerpainting fort (auch bei Lebasi zu sehen), also der Malerei mit bloßen Händen, eine Technik, bei der sie die Geister ihrer asiatischen Ahnen besonders deutlich spürt.

Die Holländerin, die ihre kulturelle Heimat nur vergleichsweise kurz als Lebensetappe zwischen Asien und Mittelmeer erfahren hat, ist davon überzeugt, dass ihre Bilder im Grunde nie verstanden werden. Doch ist sie nicht der Prototyp der verschrobenen Außenseiterin. Schon in den Sechzigern war sie in mallorquinischen Künstlerkreisen aktiv (Gruppe Bes). Ihr Auftritt bei Lebasi beweist, dass sie trotz wachsender Lust am Sich-verkriechen mit Interesse wahrgenommen wird. Und sei es als Rätsel.

 

Thomas Fitzner

 

Mallorca Zeitung 2003