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Es ist schon eine Weile her, da sah sich der Mallorquiner Pere Alemany von Büchern fasziniert. Er sah in ihnen jene Vehikel, die den Zeitmaschinen am nächsten kamen. Mit ihnen kann man in die Vergangenheit und in die Zukunft reisen, und in der Gegenwart an jeden beliebigen Ort, geografisch wie seelisch.

Die Jahre zogen ins Land, Pere Alemany zog durch die Länder – Afrika und Indien – und eine Art Zoom tat seine Wirkung. Statt Bücher sind es nun imaginäre Buchseiten, die der Maler in seinen Werken darstellt. Er gibt ihnen entsprechende Namen – Seite 54, Seite 108 – und baut eine ganz neue Art von Bibliothek auf. Ihre Herzstücke sind in der Galerie Sala Pelaires zu sehen, und ganz nebenbei sei erwähnt, dass ein Teil des Erlöses in den afrikanischen Untergrund fließen wird, nämlich in den Bau eines Brunnes in einem Dorf im Tschad.

Dabei weigert sich Alemany, “Afrika zu malen”. Er weigert sich auch, Indien zu malen und Mallorca. Die Verweigerung ist ein künstlerisches Grundrecht, Alemany bleibt bei seinen Buchseiten, in die er collagehaft Zeitungsseiten einbaut, das Echo der medialen Realität auf die kalligraphischen Elemente seiner Kunst, arabische und lateinische Schriftzüge inmitten dieser zweidimensionalen Landschaften, die wie Aussichtspunkte wirken für die Suche nach dem Sinn.

Die Zeit bleibt ein wesentliches Thema, das malt Alemany den dafür dankbaren Gemäldedeutern in Riesenbuchstaben zum Beispiel auf seine “Seite 74”: “Wo ist wohl meine Zeit, die gewesen sein konnte aber nicht war?” Der 1952 in Campanet geborene Künstler gesteht zu, von diesem Thema besessen zu sein, und räumt auch ein, das Anräumen von Gemälden mit verschlüsselten Symbolen abzulehnen. Keine Ratespiele im Publikum, kein “jeder soll interpretieren, wie er will”. Und weil er eine ehrliche Haut ist, gibt er durchaus zu, dass er erst mit dem Alter die Freiheit erlangte, die Dinge so zu sagen, wie er wirklich will, ohne dabei mit einem Auge auf Publikum, Kunstkritik und Galerist zu schielen.

War er deshalb über ein Jahrzehnt nicht mit einer Einzelausstellung auf seiner Heimatinsel vertreten? Musste er sich deshalb künstlerisch über Amsterdam, Berlin, Mailand, menschlich über Indien und Afrika an sein Mallorca anschleichen? Hier, immerhin, stellt er nun in der prestigereichen “Pelaires” aus.

Josep Melià, dessen Text das Glanzstück des Ausstellungskatalogs ist, sieht in Alemany den Vertreter des sommerlichen Mallorcas abseits farbschillernder Buchten. Des verbrannten Mallorcas, der kargen, ausgetrockneten Böden, des schwierigen und widerspenstigen Mallorcas. Hier wird die Brücke zu Afrika sichtbar, das Alemany zu malen sich weigert. Wenn er geographisch überhaupt einzuordnen ist, dann in der Geographie der Farben. Die Erde ist in seinen Augen ein roter Planet. In jedem seiner Gemälde hält er strategisch wichtiges Gelände für den obligaten roten Fleck frei. Denn wohin er auch blickt – Alemany sieht rot.

 

Mallorca Zeitung 2001