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Scud als Gottesstrafe

 

Wie manche orthodoxe Juden den Golfkrieg interpretieren.

 

„Geh hin, mein Volk, in deine Kammer, und schließ die Tür hinter dir zu! Verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe.“

Jesaja, 26, 20

 

Dieser in Israel berühmt gewordene Spruch des Propheten klingt fast wie eine Anweisung der israelischen Zivilverteidigung für das Verhalten während eines Raketenalarms. Bibelgelehrte waren denn auch rasch bereit, den Golfkrieg im kosmischen Rahmen zu deuten. Ist dies die letzte große Schlacht zwischen Gut und Böse? Steht die Ankunft des Messias ins Haus? Orthodoxe Juden sind überzeugt, daß nichts auf der Welt gegen Gottes Plan geschieht.

Ultraorthodoxe Juden in Jerusalems Viertel Mea Scharim haben den Zusammenhang sofort erkannt: Die Gründung Israels ist für sie eine Sünde, da erst der Messias einen Staat errichten werde. Die irakischen Raketenattacken seien eine Strafe Gottes, die direkte Antwort auf den Eintritt dreier religiöser Parteien in die Regierung Yitzhak Shamirs.

„Wer glaubt, die Dinge geschehen aus Zufall, ist ein Narr. Wer aber exakt zu wissen glaubt, welche Sünde diese exakte Bestrafung ausgelöst hat, ist genauso ein Narr“, distanziert sich Phil Chernofsky vom Israel Center in Jerusalem von dieser Deutung. Daß drei Dutzend Raketen abgefeuert wurden und so wenige Menschenleben forderten, könne man eher als Mahnung, vielleicht gar als Wunder betrachten.

Doch aus Chernofsky findet „interessant“, was David Altschuler, ein Jude aus Galizien, im 18. Jahrhundert in einem Kommentar zu Joel 4, 21 schrieb: „Fürchte dich nicht, Israel, vielleicht, wenn die Babylonier (= Iraker) erkennen, daß sie zum Tode verurteilt sind, werden sie sich zu stärken suchen, indem sie Rache an Israel nehmen, in der Annahme, daß ohnehin alles verloren sei. Denn Gott wird wohnen zu Zion und seine Nation beschützen.“

T.F.

 

Profil, Nr. 9, 25. Februar 1991