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Elf karierte Blätter mit 400.000 Vierecken, davon tausende mit Tinte ausgefüllt. Ein Iglu, das sich “Ohne Titel” nennt. Zwei Notenständer, die statt Partituren jeweils ein Foto des jeweiligen Notenständers tragen. Zwei Tierhäute und ein Widerstandsdraht, der von Strom zum Glühen gebracht wird. Sechs Säcke auf einem Eisenregal. “Arte povera”, soviel wird schon beim flüchtigen Hinsehen deutlich, ist eine Gegenströmung. Im Kulturzentrum Sa Nostra sind derzeit achtzehn Kunstwerke von sieben mythischen Italienern zu sehen, die seit den späten Sechzigern die – so die wörtliche Übersetzung – “arme Kunst” prägen.

Der Ausstellungstitel “Von der Arte povera bis zu unseren Tagen” verrät, dass die Evolution der Künstler Boetti, Fabro, Kounellis, Merz, Paolini, Pistoletto und Zorio und somit die Gegenwart dieser historischen Kunstströmung ebenfalls ein Thema dieser Schau ist. Das Konzept, das 1967 mit einer Ausstellung in Genua definiert und als Antwort Europas auf die Vorherrschaft US-amerikanischer Tendenzen wie der Pop Art gesehen wurde, ist ein Verständnis von Armut, wie es auch bestimmte Reformkräfte der Kirche (z.B. Franziskaner) propagieren, um sich dank der Reduktion aufs Wesentliche und somit frei von unnötigem Ballast der Wahrheit anzunähern. Eine Idee, die sich etwa im Ausdruck “nackte Wahrheit” widerspiegelt.

Wer sich der “Arte povera” theoretisch annähert und Gemeinsamkeiten im Stil oder in der Technik sucht, steht vor einer Herausforderung. Die Verwendung “armer” Materialien ist kein zuverlässiger gemeinsamer Nenner, wenngleich Giulio Paolinis “Mimesis” mit der Darstellung klassischer Marmorfiguren, jedoch im Billigwerkstoff Gips geschaffen, entsprechende Akzente setzt. Ein von Jannis Kounellis kreiertes elf Meter breites Kunstwerk, das aus fünf Eisenplatten mit angeschweißten Stücken von Eisenbahnschienen besteht, und dessen leichtestes Element der Titel ist – “ohne Titel” – , verleiht der materiellen Interpretation eine ironische Komponente, wenn man sich den Aufwand vorstellt, mit dem dieses “arme” Kunstwerk transportiert und montiert wird.

Wenn die in Sa Nostra zu sehenden Werke tatsächlich eines gemeinsam haben, ist es die großzügige Projektion in ihr Umfeld. Das gilt nicht nur für die alleine von ihren Dimensionen her raumbeherrschenden Objekte wie das zuletzt Genannte, sondern auch für relativ kleine Stücke wie Michelangelo Pistolettos Arbeiten mit Spiegeln, die den Betrachter in ihr Konzept miteinbeziehen.

Die sieben in Sa Nostra vertretenen Künstler waren von Anfang an dabei. Mit der für Italiener charakteristischen Unbeschwertheit haben sie sich individuell weiterentwickelt und sehen sich trotzdem als Familie, denn auf unterschiedlichste Weise sagen sie dasselbe. Und sie sagen es seit den späten Sechzigern, eine Epoche, an der sich die Philosophie der Bewegung eingefärbt hat. Visionär wirken Arbeiten wie Luciano Fabros “Computer” aus dem Jahr 1988: Ein schlichter Metallrahmen mit einem massiven Aluminiumbarren und einer Kette, ein früher Protest gegen etwas, das sich erst am Horizont abzeichnete, nämlich die gleichzeitige Infantilisierung und Komplizierung der Alltagskultur anhand der Informatik. In dieselbe Kerbe, und auf ganz andere Art, schlagen Alighiero und Boetti mit ihrer Fleißarbeit auf 400.000 Karrées – schon  1975 deutet sich hier die Auflösung der Realität in Pixel ab, und zwar auf eine Weise, die mit dem historischen Pointilismus nichts zu tun hat.

“Arte povera”, auch das wird hier klar, ist mehr Objekt als Gemälde oder Zeichnung. Daran ändert auch das sieben Meter breite Mischtechnik-Gemälde des Duos Alighiero/Boetti nichts, in dem sich das Alltägliche mit den Fragen der Existenz vermischt, oder die erwähnten Spiegel-Bilder Pistolettis, welche die Randbereiche zwischen Bild und Objekt ausloten.

“Arte povera” ist eine seltene Gelegenheit, Werke dieser bedeutenden Kunstströmung in Spanien zu bewundern und sich von ihnen verwundern zu lassen. Gilberto Zorio, der beweist, dass Kunst auf eine Kuhhaut gehen kann, und der die Sieben auf Mallorca vertrat, erklärte die Bewegung für “lebendig” und eigentlich mehr zu einer “Mentalität”, ja fast zu einer Krankheit “wie Malaria”. Das bedeutet: Unheilbar und in Schüben ihre Existenz beweisend.

 

Mallorca Zeitung 2002