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Die Idee, in den Beständen von Kunstsammlungen nach Darstellungen von Tieren zu suchen und damit eine Ausstellung zu bestreiten, klingt weniger originell als sie ist. Tatsächlich lässt sich anhand der Kunst die gesamte Bandbreite dessen abschätzen, was das Verhältnis des Menschen zum Tier ausmacht, von der Freundschaft mit Haustieren, der Bewunderung für und Angst vor wilden Tieren, bis zur alltäglichen Misshandlung von Nutztieren.

“Animalia”, die von der CAM-Sparkasse gesponserte tierische Kunstschau, wird nach dem Start im Kulturzentrum Can Gelabert, Binissalem, in mehreren Orten der Insel zu sehen sein. Geboten wird neben dem Spektrum der Beziehung Mensch-Tier auch ein interessantes Mischmasch künstlerischer Ausdrucksformen, ein weiterer Pluspunkt, lassen sich doch anhand der unterschiedlichen Ansätze Qualität und Methode analysieren, denn der Betrachter hat nicht nur einen Bezugspunkt, sondern gleich 37 – so viele Künstler sind von den Kuratorinnen María José Corominas und Ana Bárbara Cardellà in die Pflicht genommen worden.

Breiten Raum nimmt natürlich der kritische Ansatz ein. Von der sanft ironischen Nestlé-Kuh des Valencianers Antonio de Felipe, die die Corporate Identity der Tiernutzer auf dem Fell trägt und damit die Frage nach dem Urheberrecht bei Milchprodukten stellt, bis zur entnervenden Video-Installation von Teresa Matas – verhüllter Fernseher mit dauerzwitscherndem Vogel in Käfig -, die das Publikum nach wenigen Minuten akustisch in die Flucht schlägt. Ein Denkanstoß auch ein Mini-Diorama mit einem bescheinigten Originalstück der Berliner Mauer und Fotos von Hunden, die durchaus ehemalige Todeszonen-Wachhunde gewesen sie könnten. Vergangenheitsbewältigung bei Viechern, der beste Freund des Menschen mit dem treuen Hundeblick, ein Werkzeug von Mördern.

Neben der ideologisch oder idealistisch geprägten Sichtweise existiert auch das künstlerisch, ästhetisch und originell ausgerichtete Kunstwerk, etwa die Umkehrung der Dimensionen bei der Darstellung einer Stubenfliege im Landeanflug (Francesca Martí), ein Foto im Format 100 mal 200 Zentimeter. Stark vertreten auch die mallorquinische schwarze Sau, sie grunzt mal abstrakt verschwommen, mal glasklar ins Publikum, keine Frage, dass sie auch mit Wurst kombiniert werden muss, aber das ist zumindest originell gelöst, denn Zahnstocher ragen von der Fotomontage in die dritte Dimension hinein und necken den Betrachter mit der stummen Aufforderung, zuzugreifen (Joan Sastre).

Vertreten sind mallorquinische Künstler und “Forasteros”, darunter so prominente Namen wie Mendive (Kuba). Unter den Mallorquinern sticht Miquel Barceló mit zwei 1981 geschaffenen Gemälden hervor, somit wird auch klar, dass die Kuratorinnen keine Tierkunstschau ausgeschrieben, sondern sich im bestehenden Fundus von Künstlern und Sammlern nach geeignetem Material umgesehen haben.

Die Methode beinhaltet eine gewisse Willkür, ein Umstand, der einer ähnlich aufgezogenen Ausstellung zu einem anderen Thema – Erotik in der mallorquinischen Kunst – weniger gut bekommen ist. Aber vielleicht gibt das Thema Tier auch nur mehr her, denn Tierisches ist ja schnell mal in einem Bild untergebracht, man betrachte nur “Showtime” von Peter Philips. Zweifel sind bei Bildern wie “La Pasión y la Gerla” von der wirklich überall präsenten Maria Carbonero angebracht, denn wo das Tier nicht im Vordergrund steht, oder sein Im-Hintergrund-Stehen kein Thema ist, hat ein Kunstwerk auf einer “Animalia” eigentlich nichts verloren.

Entschädigt wird der kritische Besucher dafür von Ferran Aguiló, dem genialischen Löter, der aus Klempnerabfall phantastische Gebilde herstellt, wie sein gekreuzigter Storch – die Skulptur heißt “Doñana” und erübrigt jeden Kommentar.

 

Mallorca Zeitung 2002