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Kein Buch über Mallorca hat soviel Staub aufgewirbelt wie “Die großen Friedhöfe unter dem Mond” von Georges Bernanos. Als 1938 dieses Pamphlet über die grausamen Exzesse während des Bürgerkriegs erschien, forderte der Erzbischof von Westminster seinen Amtskollegen in Palma auf, zu den in Bernanos’ Buch erhobenen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Francos Behörden leiteten Untersuchungen ein und taten die Schilderungen des französischen Autoren als Phantasien ab, freilich ohne jemals konkret zu werden, denn die Nachforschungen bestätigten die Darstellungen des Franzosen. Bernanos, der 1934 bis 1938 auf der Insel lebte, hatte ein Werk verfasst, das man in Spanien jahrelang nur mit Glühzangen anfasste. Bis heute dient es als literarische Referenz jener Monate des Jahres 1936, als auf der “Insel der Stille” tausende Andersdenkende von Falangisten, Polizisten und Militärs ermordet wurden.

Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um eine essayistische Schilderung und polemische Verurteilung. Der Literaturwissenschaftler Josep Massot i Muntaner beleuchtet in seinem Buch “Georges Bernanos und Mallorca”, das nun auch auf deutsch vorliegt, den historischen Hintergrund des Werkes und bietet eine kompakte und seriöse Darstellung der Tragödie.

Massot i Muntaner konzentriert sich zunächst auf die Figur des französischen Autoren. Das erleichtert das Verständnis dafür, warum dessen Buch einschlug wie eine Bombe. Bernanos war nämlich kurioserweise Monarchist und bekennender Sympathisant der “Bewegung”, wie Spaniens rechtsextreme Falange sich damals nannte. In Zeitungsartikeln wetterte er gegen das Chaos der Republik und sehnte deren Beseitigung herbei, notfalls mit Gewalt. Am 19. Juli 1936 ging sein Wunsch in Erfüllung: Franco schlug los.

Bernanos war auf vielfältige Weise mit den Falangistenkreisen verbunden. Ein Sohn des Literaten, Yves Bernanos, war Mitglied der meistgehassten Faschistentruppe der Insel, der “Todesschwadronen” des skurrilen italienischen “Conde Rossi”, der von Mussolini als “Militärberater” nach Mallorca entsandt worden war. Dies verschaffte Bernanos privilegierten Zugang zu Information über die Vorgänge. Der Wandel von Begeisterung zu Abscheu vollzog sich diskret. Als die “Großen Friedhöfe” erschienen, waren seine Gesinnungsfreunde entsetzt und empört.

Ausgerechnet der erzkonservative Bernanos wetterte gegen ein “Regime, unter dem man den Bürgern den Schutz des Gesetzes entzieht, so dass für sie das Leben und der Tod nur noch vom Wohlwollen der Staatspolizei abhängt.” Ein Regime, das bereits für das Heben der geballten Faust die Todesstrafe ausspreche.

Die Anklage des prominenten Literaten erhielt zusätzliches Gewicht, weil er nie ins andere Lager überwechselte, den “Roten” weiterhin misstraurisch gegenüberstand. Während Bernanos die meisten Geschehnisse präzise schildert, interpretiert er sie jedoch oft falsch. Die historische Analyse von Massot i Muntaner ist besonders wertvoll, denn die “Großen Friedhöfe” prägen bis heute ein verzerrtes Bild vom Hintergrund der Massaker. Im Bemühen, die Falange zu entschuldigen, suchte er Sündenböcke im Klerus und bei den Militärs. Massot i Muntaner weist darauf hin, dass die Franco-freundliche Kirche durchaus gegen willkürliche Hinrichtungen auftrat, wenngleich zu schwach und zu selten, und dass erst mit dem zunehmenden Einfluss gemäßigter Militärs Ruhe und Ordnung einkehrten.

Die Hauptakteure des Gewaltrausches waren Falangisten, die von Dorf zu Dorf zogen, Verdächtige aus den Häusern zerrten, in die Nacht hinausführten, ermordeten und in Straßengräben verscharrten.

Massot i Muntaner gibt die verschiedenen Versionen über die Zahl der damals Getöteten wieder, obwohl er diese Frage aus historischer Sicht für nebensächlich hält. Tatsache ist, dass Mallorca kampflos an Franco fiel, die Toten also nicht Opfer von Kriegshandlungen, sondern von willkürlicher Grausamkeit und persönlich motivierter Abrechnungen waren.

Die genaue Zahl der Opfer wurde nie ermittelt, die Schätzungen schwanken zwischen 2.000 und 7.000. In einem Artikel erklärte Bernanos: “Man kann sich vielleicht mit dem leidvollen Gedanken abfinden, die Lebenden enttäuscht zu haben … Aber die Toten enttäuscht zu haben, ist ein großes, ein furchtbares Unrecht.” Mit den “Großen Friedhöfen unter dem Mond” setzte der Autor den Toten des Bürgerkriegs auf Mallorca ein bleibendes literarisches Denkmal.

 

Thomas Fitzner

 

“Georges Bernanos und Mallorca”, Josep Massot i Muntaner, edition tranvía – Verlag Walter Frey.

 

Mallorca Zeitung 2002