Die folgende Leseprobe ist dem satirischen Kurzroman “Kugeltrauma” von Casper Dolinar entnommen. Dieser handelt von einem Künstler, der erst nach Eintreffen der Nachricht von seinem Tod den Durchbruch zum Weltruhm erfährt. Jahre danach kehrt der Totgeglaubte mit neuer Identität in seine Heimat zurück und findet sein Elternhaus zur Gedenkstätte umgestaltet. Mit den zum Teil absurden Auswüchsen des kommerziellen Rummels um seinen Namen konfrontiert, fasst er einen verrückten Plan.

Wenn Ihr mehr über den Autor erfahren wollt, der niemand anderer ist als ein junges Alter Ego für die schrägeren Texte aus der Werkstatt, dann findet Ihr ein paar Info-Happen unter: www.facebook.com/casper.dolinar.

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Also begab sich Ignaz zur österreichischen Botschaft in Jakarta. Auf dem Weg dorthin kam er an einem modernen Bürogebäude vorbei, in dessen spiegelndem Fenster er sich erstmals seit langem wieder selber sah und erschrak. Aus dem bleichen und schwächlichen Dichter war ein braun gebrannter und drahtiger Bananenfarmer geworden. Sein Haar war von der Sonne gebleicht und ein wilder Bart und eine tollkühne Mähne hatten sein schmales Gesicht verändert. Ignaz erkannte, dass er seinem eigenen Passbild nicht mehr im Entferntesten ähnlich sah.
Bei seinem ersten Versuch, in die Botschaft zu gelangen, scheiterte Ignaz schon beim Wachtposten, der verlangte, er solle sich ausweisen, aber er hatte nichts dabei, seine Papiere waren ja alle in der Botschaft abgegeben worden, und was er bei seinem „Ausflug“ mitgenommen hatte, lag irgendwo auf dem Grund des Meeres. Grübelnd zog Ignaz ein paar Runden durch das Viertel, wurde dabei von dunklen Gestalten angesprochen, die ihm für astronomische Summen eine Reise nach und einen Job in Europa versprachen, kehrte zur Botschaft zurück und wartete dort im Schatten eines Baumes, bis einer der Botschaftsangestellten auf die Straße trat. Ignaz lief auf ihn zu und rief in tiefstem Schreberstädter Dialekt: „Griasgod, Hea Botschafta!“
Der Mann blieb stehen, blickte Ignaz unverwandt an, schüttelte den Kopf und rief: „Jetzt bringt man euch schon Dialekt bei, um ein Visum zu bekommen!“
Entmutigt kehrte Ignaz nach Gobolan zurück, wo Nayana nach seinen Erklärungen in eine Depression verfiel, die von einem linguistischen Auffrischungskurs in der Körperteilvokabelbucht nur kurzfristig gemildert wurde. Nayana war traurig, denn sie wollte die „Wurzeln ihres geliebten Laki-Laki Morelli“ und das „Land der wunderbaren Geschichten“ kennenlernen, und nichts vermochte sie von diesem Wunsch abzubringen. Als Ignazens Schwiegermutter andeutete, die Traurigkeit Nayanas sei wohl der Grund dafür, dass sich der gewünschte Nachwuchs nicht einstellen wolle, wurde ihm klar, dass er handeln musste. Wieder bestieg er einen Kutter nach Jakarta, diesmal jedoch war er gerüstet: Mit einer speziellen „Spende“ an den monatlich herantuckernden Regierungsbeamten hatte Nayanas Familie ihm einen Ausweis besorgt, allerdings einen indonesischen, dem zufolge er Mojo Tiklikuwasila hieß. Nach einer gründlichen Körperpflege in einem billigen Hotel und gekleidet in einen extra für den Anlass kostengünstig gekauften, doch einigermaßen eleganten Anzug gelang es Ignaz, eine Unterredung mit der „zweiten Botschaftssekretärin“ zu erwirken, indem er angab, Informationen über den Verbleib des verschollenen Österreichers Ignaz Morell anbieten zu können.
Die zweite Botschaftssekretärin war eine junge Wienerin aus gutem Hause namens Miriam Steffanitsch. Sie begrüßte Ignaz mit den Worten „Selamat datang, selamat pagi“, um zu demonstrieren, wie gut sie schon die einheimische Bahasa-Sprache draufhatte. Ignaz fühlte sich momentan überrumpelt und erwiderte auf Deutsch: „Ich danke Ihnen, junges Fräulein. Ist Ihnen der Name Ignaz Morell ein Begriff?“
Fräulein Steffanitsch starrte Ignaz mit großen Augen an und begann zu lachen, ja nachgerade zu wiehern. „Selbstverständlich, guter Mann“, sagte sie und wischte sich eine Lachträne von der Wange. „Sie könnten mich genausogut fragen, ob ich Mozart kenne.“
Auf eine solche Antwort war nun Ignaz nicht vorbereitet gewesen und er starrte Fräulein Steffanitsch an und vergaß momentan komplett, wofür er hergekommen war. Nach dieser Reaktion zu sagen „Ich bin Ignaz Morell“, war absurd. Nur: Was sollte er stattdessen sagen?