Home > Teaser > Marrakesch-Express

Leseprobe

Die Fahrt ging natürlich ganz woanders hin. Zuerst zu einer Tankstelle, denn im Tank befanden sich nur wenige Tropfen, deren letzter beim Ausrollen neben der Zapfsäule mit einem lauten Knall im Motor des Peugeot explodierte. Dann ging es mit vollem Tank die Stadtmauer entlang und in eines der Tore hinein und schon waren sie mitten in der Altstadt, umspült von Menschen, Karren, Markständen, Bettlern, Eseln, Hunden, Katzen, Kindern und anderen Autos, die ihnen aus den engsten Gassen, aus dem verrücktesten Menschengewühl entgegenkamen und Rita in bodenlose Verwunderung darüber versinken ließen, wie sie dort hineingekommen waren.

Doch auch sie kamen voran, irgendwie, schoben sich Meter für Meter in die Medina hinein, während die Menschen-, Tier- und Mopeddichte zunahm. Rita fühlte sich wie in einem Brei, der beim Umrühren dicker und dicker wurde. Ein Melonenverkäufer musste seinen Stand ein paar Zentimeter verrücken, ein Mopedfahrer musste sich an eine Lehmmauer drücken und ein beinloser Krüppel musste mit erhobenem Arm auf seinen Bettelplatz mitten auf der Straße aufmerksam machen, sonst hätte ihn Khaled mit seinem freundlichsten Grinsen überrollt.

Doch nichts passierte, der Krüppel rollte auf seinem mit Rädern versehenen Brett fröhlich winkend davon – wieder eine Situation überlebt – , die Gasse öffnete sich zu einem kleinen Platz und Khaled parkte den Wagen, obwohl Rita nirgendwo einen Parkplatz sah. Dafür waren sofort einige Parkwächter zur Stelle, junge Kerle mit narbigen Gesichtern, und boten sich an – den Zeigefinger unters Auge klopfend – das kostbare Automobil und seinen Inhalt zu bewachen.

“Ich schlage vor, Sie bleiben hier”, sagte Khaled. “Es wird nicht lange dauern.”

“Nur zu”, sagte Rita. Sie war gefangen. Marrakesch hatte sie verschlungen wie ein lebender Brei, es gab kein Entkommen, sie konnte nur noch beten und von Essaouira träumen.

Es dauerte nicht lange, sondern ewig. Während zwei junge Männer mit wachsamen Blicken das Auto umschlichen, als bestünde Gefahr, dass man Rita die Reifen unter dem Hintern wegmontierte, legte sich die Holländerin eine sehr europäische Moralpredigt zurecht: wenn Khaled weiter ihr Mitarbeiter sein wollte, würde sie ihm mit sehr ruhiger Stimme sagen (obwohl ihr schon beim Gedanken vor Wut die Hände zitterten), müsste er sich an bestimmte Regeln halten, wovon die erste lautete: verarsche nicht deinen Arbeitgeber. Und wenn Regel Nummer eins nicht eingehalten wird, kannst du dir deine fünfzig Dirham auf die mittlerweile von einer dicken Staubschicht bedeckte Peugeot-Motorhaube malen, verstanden?

So brütete Rita und feilte indigniert an ihrer Rede, als auf einmal Khaled neben ihr saß und nicht grinste. Nanu? dachte Rita.

“Ich habe gestern jemanden kennengelernt, dessen Bruder einen Rezeptionisten im Hotel Mamounia kennt”, erklärte Khaled ernst und machte eine Pause, um Rita Zeit zu geben, die Komplexität der Kaffeehaus-Connection zu verdauen. “Sie kennen das Mamounia?”

“Was ist das?”

Khaled schien betroffen. “Ein Hotel, Madame.”

“Ich kenne es nicht.”

“Das ist ein Scherz.”

“Das ist kein Scherz”, erwiderte Rita gereizt. “Kennst du das Krasnapolsky in Amsterdam? Na also!”

Khaled machte eine beschwichtigende Bewegung mit beiden Händen und sagte: “Das Mamounia ist das beste Hotel der Welt.”

“Natürlich”, seufzte Rita.

“Im Ernst, Madame. Ein Palast. Und sehr, sehr teuer. Ich dachte mir: warum nicht? Der Name des Mannes ist Kassim. Mein Bekannter aus dem Café bat ihn, einen Blick in die Bücher zu werfen. Und er hat es getan.”

“Soso.”

“Kassim lebt hier.” Khaled zeigte auf eine Lehmmauer ohne Fenster, Eingang, Dach noch sonstige Attribute von Zivilisation; nur ganz oben schielten die krummen Ausleger einer Fernsehantenne über die Zinnen. “Aber er war nicht zu Hause. Ich musste im Souk nach ihm fragen und deshalb hat es ein wenig gedauert. Kassim war im Hammam. Er hat sein Bad sofort abgebrochen, als ich ihm sagte, Sie seien hier, und jetzt ist er zu Hause. Geben Sie ihm ein paar Minuten, um sich etwas Repräentatives anzuziehen.”

“Wenn es nur Minuten sind, lieber Khaled.” Rita versuchte sich an ihre Predigt zu erinnern, fand aber den Einstieg nicht und fragte stattdessen: “Aber wofür das Ganze? Was hat er zu bieten?”

“Er hat eine Frau Gunderson im Gästeregister entdeckt.”

“Er hat was?”

“Kassim hat nachgesehen.” Khaled mimte heimliches Durchblättern. “Das dürfte er eigentlich nicht, aber ich erklärte ihm, es sei wichtig.”

Rita spürte, wie ihr der Mund austrocknete. “Und wann hat sich das Mädchen dort einquartiert?”

Khaled zeigte auf die Lehmmauer. “Kassim wird Ihnen berichten.”

Zwischen einem Zehnjährigen, der von einem schmutzigen Blech Datteln verkaufte, und einem Kiosk mit Kartoffelchips und Schokoladewaffeln, die aussahen, als seien sie auf dem offenen Deck einer Dhau aus China importiert worden, öffnete sich eine blaue Blechtür in die Lehmmauer. Eine Frau bat sie einzutreten. Höflichkeiten flossen hin und her, die Frau, gekleidet in Djellaba, bedeckt mit Kopftuch, ihre Hände und Füße mit Henna-Mustern bemalt, verbeugte sich mehrmals vor Rita. Sie waren in einem Innenhof, nichts Spektakuläres wie das Patio der Amouns in Fes, aber doch ein Hort der Sauberkeit, des Friedens, der Kühle. Mehrere Familien lebten rund um dieses Patio herum, Kleinkinder krabbelten über den dem Boden, ältere Schwestern passten auf sie auf, ein paar Frauen saßen im Schatten zusammen und rupften ein Hühnergeschwader. Die Wohnung von Kassim sah überraschend modern aus, und Kassim auch. Er trug eine dunkelgraue Hose, ein weißes Hemd, und sein hageres, in Freundlichkeit erstarrtes Gesicht mit der riesigen Lesebrille erinnerte Rita an Gandhi.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer standen schon die goldverzierten Teegläser. Kassim lud Rita mit einer höflichen Geste ein, Platz zu nehmen. Vor ihnen blieb der Fernseher eingeschaltet, ein Greis mit strengem Blick sprach über ein offenbar ernstes Thema, hinter ihm orientalisches Dekor, und sein Zeigefinger zog energische Kreise, als malte er arabische Schriftzeichen, und stach immer wieder himmel- und gottwärts. Über ihm, auf dem Fernseher, stand eine goldbestickte Kleenex-Schachtel, was den Eindruck vermittelte, der Mann zeigte in Wahrheit auf sie und das Ganze sei ein lokaler Werbespot für Kleenex. Obwohl Rita deshalb ein Kichern den Hals hochkrabbelte, behielt sie ihre Beobachtung für sich. Humor ist ein Vergnügungspark für Ortskundige und ein Minenfeld für Fremde.

An der Tür erschienen drei Kinder, beäugten die Fremde mit großen Augen und verschwanden kichernd, sobald Rita den Blickkontakt suchte. Die Dame des Hauses erschien mit dem Tee. Tapfer stand Rita den Einstiegstratsch durch, doch Kassim spürte ihre Ungeduld und kam rasch zum Thema.

Er schob einen Zettel über den Tisch, auf dem er notiert hatte: Birte Gunderson, 18. bis 22. Dezember 1990.

© Thomas Fitzner