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Leseprobe

 

Was mich nach meinem kleinen Verwirrungszustand endgültig auf den Boden der Realität zurückholte, war unser Zusammentreffen mit Axel und Gudrun. Wir saßen mit ihnen und Schmuel und Rotem an einem Tisch im Speisesaal, und die Deutschen versuchten, zu allen besonders höflich zu sein. Zwischen den beiden jedoch flogen die Fetzen. Nach einigem Lauschen bekam ich mit, dass sie sich noch immer darum stritten, wer die Hauptverantwortung für das gestrige Desaster zu tragen hatte. „Ein Blick auf die Karte …!“ rief Axel wiederholt aus, Verbitterung in seiner Miene, und Gudrun zischte: „Da war ein Bookshop! Da hätten wir …“ Und Axel unterbrach sie: „Hör auf mit dem Bookshop! Wer glaubt schon einem Taxifahrer! Aber du …! Sowas von …!“

Ihre Dialoge waren voller Ausrufezeichen und unausgesprochener Satzteile. Ihrer Umgebung hingegen brachten sie die übertriebene Aufmerksamkeit der Neuankömmlinge entgegen. Schmuel und Rotem hatten sie ein Geschenk mitgebracht – eine Flasche Echt Kölnisch-Wasser, nach der Schmuel umgehend zu duften begann, womit meines Erachtens nach bewiesen war, dass die Deutschen ihn nervös machten – und auch als wir bei den Eltern Schmuels eintrafen, stachen uns Axel und Gudrun aus, diesmal mit einer Schachtel Mon Cherie-Pralinen.

Überhaupt benahmen sich die beiden – er ein drahtiges Milchgesicht mit Rundbrillen, sie eine dünne Blonde mit streng nach hinten gebundenem Pferdeschwanz, ausbalanciert von einer vorspringenden Nase – von Anfang an so korrekt, dass sie auch mich nervös machten. Gleich zu Beginn breiteten sie vor Schmuels Eltern ihren Schuldkatalog aus. Axels Großvater war als 16jähriger Hitlerjunge und Flakhelfer gewesen, und Gudruns Opa hatte als Funkmechaniker Norwegen unterjocht. Ein drittgradiger Großonkel Gudruns war ein kleiner Provinz-Nazi-Bürokrat gewesen. Das alles bei Kaffee und Kuchen. Schmuels Eltern – er aus Russland, sie aus Marokko – rutschten unbehaglich in ihren Fauteuils herum. Er sagte immer nur: „Ein schwieriges Thema, jaja, ein schwieriges Thema“, und versuchte dann über die computergesteuerten Bewässerungspumpen zu sprechen, die er miterfunden hatte, und sie sprang alle zwei Minuten auf, um irgendeine Kleinigkeit aus der Küche zu holen. Nach zirka einer Stunde hochnotpeinlicher Schuldabklärung wandte sich Schmuels Vater an mich und fragte mit drängender Stimme: „Was sagen Sie zu unserem Kibbuz?“

Die Frage traf mich, der ich insgeheim meine Familie nach Kriegsverbrechern durchforstet hatte und gestehen musste, dass ich erschreckend wenig wusste, unvorbereitet. Ich spürte, dass Liebstein Senior verzweifelt um einen Themenwechsel rang, und versuchte, eine ausführliche Antwort zu geben, laberte etwas von einem System, das zu funktionieren schien, und dem Glück vom autofreien Wohnen. Dass mir inzwischen die Lust vergangen war, Yad Vashem zu besuchen, erwähnte ich nicht. Wie sollte ich je mit Axel und Gudrun konkurrieren?

Die beiden schienen meine Gedanken zu erahnen. Als Schmuels Eltern kurz den Tisch verließen – Schmuel selbst hatte sich gleich nach einem hastig heruntergewürgten Stück Kuchen eilends aus dem Staub gemacht – saßen Ginga und ich plötzlich alleine mit Axel und Gudrun, und das fieberhafte Dreinreden in die Atempausen der anderen machte einer gespenstischen Stille Platz.

„Na“, sagte Axel, energisch das Schweigen brechend, als handelte es sich um eine Mutprobe. „Schon lange hier?“

Ich bejahte und Ginga verneinte zur gleichen Zeit. Ich dachte an die Tage, die wir Axel und Gudrun voraushatten, Ginga vermutlich an das halbe Jahr, das den beiden bevorstand. „Kommt drauf an“, kommentierte ich flach, „was lange ist, nicht wahr?“

Ginga begann über Jerusalem zu sprechen, und was sich dort an Sehenswertem zu besuchen anböte. Ich glaubte zu bemerken, dass sie plötzlich mit bundesdeutschem Akzent sprach, und zwickte sie. Ginga verstummte. Wieder Stille. Mutter Schmuel kam kurz herein, blieb stehen, musterte demonstrativ den umschwiegenen Tisch und entfernte sich mit einer theatralischen Ich-habe-etwas-vergessen-Geste. „Wir hatten einen schwierigen ersten Tag“, meldete sich Gudrun mit leiser Stimme, wie um das Schweigen zu erklären. „Jaja, die Taxifahrer in Israel“, nickte ich verständnisvoll, ein bisschen gierig auch, die Story im Detail zu erfahren.

„Nein, sagte Gudrun und blickte mich befremdet an. „Yad Vashem.“

Da war es wieder. Ich begann aus Verlegenheit ein drittes Stück Kuchen auf meinen Teller zu bugsieren, auch, um Gudrun nicht in die klaren, geschichts- und schuldbewussten Augen blicken zu müssen. Ginga ließ mich schändlich im Stich und sagte gar nichts. „Wieviel Zeit muss man für die Besichtigung rechnen?“ hörte ich mich in die entstandene, saugende Totenstille hineinsagen.

„Du warst noch nicht dort?“ fragte Gudrun sanft.

Axel räusperte sich eckig und begann die Zimmereinrichtung zu mustern.

„Nein“, sagte ich, ein wenig Ungeduld in der Stimme, weil ich ja nach Yad Vashem gewollt hatte. „Es hat sich nicht ergeben. Also, wieviel Zeit?“

„Das kommt auf dich an“, sagte Gudrun. „Yad Vashem ist kein Museum der herkömmlichen Art. Ich …“ – sie fasste sich an die Kehle – „… ich habe mich von dem Besuch noch nicht erholt, ehrlich gesagt. Es war schrecklich. Beim ersten Mal musste ich nach zehn Minuten raus.“ Sie blickte hilfesuchend nach Axel, der reagierte spät, nickte dann aber ernst. Als Gudrun nicht weitersprach, ergriff Axel das Wort. „Man muss die Karten auf den Tisch legen“, sagte er. „Gleich zu Beginn. Sonst lässt man Raum für Mißverständnisse.“ Vielleicht hätten wir die Beichte vor Schmuel-Vater und -Mutter übertrieben oder gar lächerlich gefunden, aber ihnen sei nun leichter. So.

Diesem energischen „So“ folgte ein dermaßen bleiernes Schweigen, dass ich mich nicht einmal zu räuspern wagte. Schmuels Vater schlich um die Ecke wie ein lauer Schatten und setzte sich wieder zu uns. Er begann über das Rezept für den Kuchen zu sprechen, das von seiner russischen Großmutter stammte. Und von den Schwierigkeiten, die ihm die marokkanische Familie seiner Frau machte, als er sie heiraten wollte. Und vom expandierenden Weltmarkt für Bewässerungsanlagen.

 

© Thomas Fitzner